Der Rhein-Lahn-Kreis sucht erneut Pflegefamilien. Öffentliche Haushaltsdaten zeigen für 2024 175 laufende Fälle in Vollzeitpflege und 135 in Heimerziehung. Der Kreis plant 2026 deutlich höhere Mittel für Heimerziehung als für Pflegefamilien. Ob Kinder auf eine passende Pflegefamilie warten oder deshalb länger außerhalb eines familiären Umfelds untergebracht sind, bleibt öffentlich unbeantwortet.
Neue Pflegefamilien gesucht – aber nicht, wie viele fehlen
Der Rhein-Lahn-Kreis sucht erneut Pflegefamilien. Die Botschaft der Kreisverwaltung ist verständlich und wichtig: Kinder und Jugendliche, die nicht bei ihren Eltern aufwachsen können, brauchen Sicherheit, stabile Bezugspersonen und ein Zuhause auf Zeit.
Doch die aktuelle Mitteilung vom 25. September bleibt an einem entscheidenden Punkt allgemein: Sie sagt nicht, wie viele Pflegefamilien der Kreis aktuell benötigt. Sie nennt keine Zahl von Kindern, die auf eine passende Unterbringung warten. Sie erklärt nicht, ob Vermittlungen scheitern oder sich verzögern – und ob Kinder deshalb länger in einer Notunterbringung, einer Bereitschaftspflege oder einer stationären Einrichtung bleiben.
Dabei zeigen die öffentlich zugänglichen Haushaltsdaten: Hinter dem Aufruf steht kein Randthema der Verwaltung, sondern ein großer Bereich der Jugendhilfe.
Das Wichtigste
Im Haushalt des Rhein-Lahn-Kreises sind für 2024 175 laufende Fälle in Vollzeitpflege und 135 Fälle in Heimerziehung ausgewiesen. Für 2026 plant der Kreis einen Zuschussbedarf von 2,65 Millionen Euro für Vollzeitpflege und 11,45 Millionen Euro für Heimerziehung.
Zugleich weist der Haushalt für 2024 insgesamt 75 Inobhutnahmen und eine durchschnittliche Verweildauer von 127 Tagen aus. Ob und in welchem Umfang fehlende Pflegefamilien zu dieser Dauer beitragen, ist aus den veröffentlichten Unterlagen nicht ersichtlich.
Der Kreis wirbt nicht zum ersten Mal: Schon am 18. Dezember 2025 veröffentlichte er einen nahezu gleichlautenden Aufruf. Das belegt noch keinen akuten Mangel. Es zeigt aber, dass der Kreis dauerhaft neue Pflegefamilien gewinnen will.
175 Fälle in Vollzeitpflege, 135 in Heimerziehung
Vollzeitpflege bedeutet, dass ein Kind oder Jugendlicher zeitlich befristet oder dauerhaft in einer anerkannten Pflegefamilie lebt. Heimerziehung ist dagegen eine stationäre Hilfe in einer Einrichtung. Beide Hilfen dienen dem Schutz und der Entwicklung junger Menschen, können aber nicht pauschal gegeneinander ausgespielt werden: Welche Unterbringung erforderlich ist, hängt vom einzelnen Kind, seiner Lebensgeschichte und seinem individuellen Bedarf ab.
Der Haushaltsplan des Rhein-Lahn-Kreises führt für 2024 einen mittleren laufenden Bestand von 175 Fällen in Vollzeitpflege und 135 Fällen in Heimerziehung auf. Damit wird sichtbar: Pflegefamilien sind kein ergänzendes Angebot neben der Jugendhilfe. Sie sind ein fester und zahlenmäßig erheblicher Teil davon. www.rhein-lahn-kreis.de
Der Kreis selbst beschreibt die Aufgabe seines Pflegekinderdienstes so: Er prüft und vermittelt geeignete Pflegefamilien und begleitet sowohl Pflegeeltern als auch die Herkunftsfamilien. Möglich sind unter anderem Vollzeit-, Kurzzeit-, Sonder-, Bereitschafts- und Verwandtschaftspflege. www.rhein-lahn-kreis.de
Die Kosten zeigen die Größenordnung – nicht die Lösung im Einzelfall
Für die Vollzeitpflege sieht der Haushalt 2026 einen Zuschussbedarf von 2,65 Millionen Euro vor. Das sind 69.000 Euro weniger als im Ansatz 2025. Für Heimerziehung steigt der geplante Zuschussbedarf dagegen um 1,142 Millionen Euro auf 11,45 Millionen Euro. Insgesamt soll der Zuschussbedarf für Hilfen zur Erziehung von 19,009 auf 20,147 Millionen Euro wachsen. www.rhein-lahn-kreis.de
Die Zahlen machen die finanzielle Dimension deutlich. Sie erlauben aber keinen einfachen Schluss nach dem Muster: Pflegefamilie statt Heim senkt automatisch Kosten. Eine stationäre Unterbringung kann für Kinder und Jugendliche mit besonders hohem Unterstützungsbedarf notwendig sein. Umgekehrt kann eine passende Pflegefamilie für ein Kind die richtige, stabilere Perspektive sein. Über die Hilfeform entscheidet nicht der Haushalt, sondern der individuelle Jugendhilfebedarf.
Der höhere Ansatz für Heimerziehung belegt auch nicht automatisch mehr Kinder in Einrichtungen. Dahinter können steigende Entgelte, mehr Fälle, längere Hilfedauern oder mehrere dieser Faktoren stehen. Der Haushalt schlüsselt das nicht weiter auf.
75 Inobhutnahmen – und durchschnittlich 127 Tage Verweildauer
Besonders aufmerksam macht eine weitere Kennzahl. Für 2024 weist der Kreis 75 Inobhutnahmen aus. Als durchschnittliche Verweildauer sind 127 Tage angegeben. Inobhutnahme bedeutet eine unverzügliche und vorläufige Unterbringung von Kindern oder Jugendlichen bei akuter Gefahr. www.rhein-lahn-kreis.de
Diese 127 Tage dürfen nicht verkürzt als Dauer einer Bereitschaftspflege dargestellt werden. Der Haushaltsplan weist sie für den Bereich Inobhutnahme und Eingliederungshilfe aus; er trennt nicht auf, wie viele Tage auf welche konkrete Unterbringungsform entfallen.
Gerade deshalb bleibt eine zentrale Frage offen: Wie viele dieser Kinder könnten nach einer ersten Krisenphase in eine geeignete Pflegefamilie wechseln – und wie viele warten darauf? Dazu veröffentlicht der Kreis keine Zahl.
Wiederholter Aufruf, aber keine Bedarfszahl
Der aktuelle Aufruf ist nicht der erste seiner Art. Schon im Dezember 2025 hatte der Rhein-Lahn-Kreis mit nahezu identischem Text um engagierte Pflegefamilien geworben. Beide Veröffentlichungen nennen den Pflegekinderdienst als Ansprechpartner, enthalten aber keine Bedarfsprognose, keine Zahl freier oder fehlender Plätze und keine Angaben zu laufenden Bewerbungsverfahren. www.rhein-lahn-kreis.de
Das ist kein Beweis für ein Organisationsproblem. Öffentliche Aufrufe können auch Teil einer dauerhaften und verantwortungsvollen Gewinnung neuer Pflegefamilien sein. Doch für Kreistag, Jugendhilfeausschuss und Öffentlichkeit wäre eine anonymisierte Kennzahl sinnvoll: Wie viele Kinder warten auf eine familiäre Unterbringung? Wie lange dauert die Vermittlung? Wie viele passende Anfragen kann der Pflegekinderdienst nicht kurzfristig bedienen?
Der Jugendhilfeausschuss berät den Haushalt in Fragen der Jugendhilfe und befasst sich mit deren Aufgaben. Dort gehört diese Transparenzfrage auf die Tagesordnung. www.rhein-lahn-kreis.de
Was belegt ist – und was der Kreis offenlässt
Belegt ist: Der Rhein-Lahn-Kreis sucht erneut Pflegefamilien. Belegt sind 175 laufende Fälle in Vollzeitpflege und 135 Fälle in Heimerziehung für 2024. Belegt sind auch steigende Haushaltsansätze für Heimerziehung und 75 Inobhutnahmen mit einer im Haushalt ausgewiesenen durchschnittlichen Verweildauer von 127 Tagen.
Nicht belegt ist dagegen, dass derzeit Kinder wegen fehlender Pflegefamilien in Heimen bleiben oder dort länger untergebracht sind. Genau diese Lücke bleibt in der öffentlichen Darstellung des Kreises bestehen.
Für Familien, die sich vorstellen können, ein Pflegekind aufzunehmen, bietet der Pflegekinderdienst Beratung und Informationen zu Schulungen an. Für die politische Öffentlichkeit bleibt die Frage: Wie groß ist der Bedarf tatsächlich – und welche Hilfe erhalten Kinder, solange keine passende Pflegefamilie gefunden ist?
Fehler entdeckt?
Schreiben Sie uns an redaktion@2halb3.de. Wir prüfen sachliche Hinweise und korrigieren Fehler transparent.
Stellungnahme:
Betroffene, Verantwortliche, Behörden, Betriebe und weitere Beteiligte können uns eine Stellungnahme übermitteln. Eingehende Stellungnahmen werden redaktionell geprüft und – sofern für den Sachverhalt relevant – gegebenenfalls als transparent gekennzeichnetes Update berücksichtigt.
Mehr aus Rhein-Lahn: Weitere aktuelle Nachrichten, Hintergründe und Recherchen aus dem Landkreis finden Sie in unserem Regionalbereich Rhein-Lahn-Kreis.
Quellen:
- Rhein-Lahn-Kreis – Der Rhein-Lahn-Kreis sucht Pflegefamilien, 25. September 2026
- Rhein-Lahn-Kreis – Pflegefamilien gesucht, 18. Dezember 2025
- Rhein-Lahn-Kreis – Haushaltssatzung und Haushaltsplan 2026, Seiten 80–81 sowie 211–214
- Rhein-Lahn-Kreis – Pflegekinder: Formen der Pflege und Aufgaben des Pflegekinderdienstes
- Rhein-Lahn-Kreis – Satzung des Jugendamtes

Noch kein Kommentar vorhanden