Baumbestand am Koblenzer Moselufer in Moselweiß. Der geplante Ausbau des Geh- und Radwegs hat eine fachliche Auseinandersetzung über Vitalität, Zukunftsfähigkeit und mögliche Fällungen ausgelöst.

Eine Sachverständige bewertet 25 von 27 untersuchten Bäumen als sehr vital oder vital. Das Koblenzer Stadtbaummanagement widerspricht und spricht von fehlerhaften Vitalitätsbewertungen. Die Dokumente zeigen jedoch: Die städtische Gegenprüfung ist ausdrücklich exemplarisch – während sich die Zahl der vorgesehenen Baumfällungen im Planungsverlauf mehrfach verändert hat. Am 24. September beschäftigt sich der zuständige Werkausschuss mit dem Konflikt.

27 Bäume, zwei Bewertungen – und offene Fragen

Am Koblenzer Moselufer geht es längst nicht mehr nur um die Frage, ob ein Geh- und Radweg breiter werden soll. Im Mittelpunkt steht inzwischen eine wesentlich konkretere Auseinandersetzung: Wie gesund sind die Bäume, die von der Planung betroffen sind – und auf welcher fachlichen Grundlage wurde ihr möglicher Verlust bislang begründet?

Die Antworten fallen bemerkenswert unterschiedlich aus. Eine von Grün(h)ecken e. V. beauftragte Sachverständige untersuchte im Juli 27 Bäume. Ihr Ergebnis: 92,6 Prozent, also 25 der 27 untersuchten Bäume, ordnete sie den Vitalitätsstufen 0 oder 1 zu. Akute Verkehrssicherheitsdefizite stellte sie nach eigener Darstellung nicht fest. Das Stadtbaummanagement der Stadt Koblenz kommt bei seiner Überprüfung einzelner Bäume teilweise zu deutlich schlechteren Bewertungen. Am 24. September soll diese Gegenposition im Werkausschuss „Grünflächen- und Bestattungswesen“ behandelt werden.

Doch die von 2halb3 ausgewerteten Unterlagen zeigen auch: Die städtische Vorlage ist keine vollständige neue Baum-für-Baum-Begutachtung der 27 untersuchten Exemplare. Die Verwaltung bezeichnet ihre Überprüfung selbst als exemplarisch. Gleichzeitig lässt sich anhand der Akten nachvollziehen, dass die Zahl der ursprünglich für die Planung vorgesehenen Baumfällungen mehrfach verändert wurde.

Von 39 über 37 auf 29 Bäume

Die Geschichte beginnt nicht mit 27 Bäumen. In einer frühen städtischen Beschlussvorlage aus dem Jahr 2025 waren für die bevorzugte Ausbauvariante noch 39 Baumfällungen vorgesehen. In der späteren Fassung BV/0490/2025/2, die dem Stadtrat im November vorlag, waren es noch 37. Gleichzeitig sollte geprüft werden, ob wenigstens die Bäume mit den Nummern 200, 236 und 258 erhalten werden können. Die damalige Kostenschätzung für Variante 2 lag bei rund 4,1 Millionen Euro; für eine alternative Variante wurden rund 6,1 Millionen Euro genannt. Die Verwaltung rechnete mit einer möglichen Förderung von etwa 70 bis 90 Prozent der zuwendungsfähigen Kosten.

Der Stadtrat beschloss am 7. November 2025 die weitere Planung nach Variante 2. Beschlussunterlagen BV/0490/2025/2

Im März 2026 nannte die Stadt dann nur noch 29 zu entfernende Bäume. 19 davon hätten bereits „starke Trockenschäden im Kronenbereich“. Die Vitalität und Zukunftsfähigkeit der meisten Bäume sei deutlich eingeschränkt; ein dauerhafter Erhalt sei auch ohne den geplanten Ausbau nicht möglich. Gleichzeitig bezifferte die Stadt das Projekt nun mit voraussichtlich rund 3,8 Millionen Euro und stellte einen Baubeginn frühestens im Oktober 2027 in Aussicht. Information der Stadt Koblenz vom 5. März 2026

Warum die Zahl zunächst von 39 auf 37 und anschließend auf 29 sank, lässt sich grundsätzlich mit Planungsfortschritten und vorgesehenem Baumerhalt erklären. Eine öffentlich auffindbare aktuelle Baum-für-Baum-Matrix, aus der nachvollziehbar hervorgeht, welche Bäume zu welchem Planungsstand entfallen oder erhalten werden sollen, konnte 2halb3 bislang allerdings nicht finden.

Das ist insbesondere deshalb relevant, weil die heute diskutierte Sachverständigenuntersuchung 27 Bäume umfasst. Die Interessengemeinschaft spricht inzwischen von mindestens 27 geplanten Fällungen. Die städtische August-Vorlage bestätigt, dass Antoni 27 vom Bauvorhaben betroffene Bäume kontrolliert hat, weist diese Zahl aber nicht ausdrücklich als aktuelle vollständige Fällliste aus.

Stadt kündigte genauere Untersuchung erst später an

Ein weiterer Punkt ergibt sich aus einer städtischen Stellungnahme vom 22. Mai 2026. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Verwaltung bereits öffentlich erklärt, 19 der 29 zur Entfernung vorgesehenen Bäume hätten starke Trockenschäden.

In der späteren Stellungnahme zum Antrag der Freien Wähler auf Aufhebung des Ausbau-Beschlusses erklärte die Verwaltung jedoch, dass in den nächsten Planungsphasen intensive naturschutzfachliche Prüfungen stattfinden sollten. Im Rahmen einer Eingriffsprüfung werde unter anderem der Baumbestand näher untersucht. Darüber hinaus kündigte die Stadt einen Fachbeitrag Naturschutz, eine Artenschutzprüfung sowie wegen des nahe gelegenen FFH-Gebiets „Mosel“ eine FFH-Verträglichkeitsvorprüfung an. Stellungnahme ST/0043/2026 vom 22. Mai 2026

Das bedeutet nicht, dass bis dahin überhaupt keine Baumkontrollen stattgefunden hatten. Die Stadt führt ein Baumkataster und verweist in ihrer jüngsten Gegenprüfung ausdrücklich auf dort gespeicherte Bewertungen. Offen bleibt aber eine andere Frage: Welche konkrete, aktuelle Einzelbaumdokumentation lag der öffentlichen Aussage vom März zugrunde, wonach 19 Bäume starke Trockenschäden aufwiesen und die meisten Bäume dauerhaft nicht zu erhalten seien?

Eine öffentlich zugängliche Liste, die genau diese 19 Bäume mit Baum-Nummer, Befund, Kontrollzeitpunkt und fachlicher Bewertung ausweist, konnte 2halb3 bei der Dokumentenrecherche nicht identifizieren.

Der politische Versuch, die bestehende Planung zunächst wieder aufzuheben, scheiterte am 28. Mai. Der Stadtrat lehnte einen entsprechenden Antrag der Freien Wähler ab. Die Verwaltung hatte dagegen unter anderem mit dem schlechten Wegezustand, der Verkehrssicherungspflicht, Barrierefreiheit, einer Verbreiterung auf bis zu 3,50 Meter und möglichen Fördermitteln argumentiert.

25 von 27 – doch die Stadt kommt zu anderen Werten

Im Juli folgte die fachliche Stellungnahme von Daniela Antoni. Sie ist laut Veröffentlichungsseite B.Sc. Forstwissenschaften und Waldökologie, freie Sachverständige für Stadtbäume und FLL-zertifizierte Baumkontrolleurin. Nach ihrer Untersuchung erreichten 25 von 27 Bäumen die Vitalitätsstufen 0 oder 1. Trockenstress stellte sie bei einzelnen Bäumen fest, sah darin jedoch keinen Beleg dafür, dass dem überwiegenden Bestand grundsätzlich die Zukunftsfähigkeit fehle. Veröffentlichung der Baumuntersuchung

Am 27. August legte der städtische Eigenbetrieb Grünflächen- und Bestattungswesen seine Gegenposition vor. Die 21-seitige Unterrichtungsvorlage UV/0207/2026 stützt sich ebenfalls auf die Vitalitätsbeurteilung nach Roloff und kommt bei mehreren Bäumen zu anderen Ergebnissen. Unterrichtungsvorlage UV/0207/2026

Ein Beispiel ist Baum 258, ein Spitz-Ahorn. Antoni bewertet ihn mit Vitalitätsstufe 0. Die Stadt ordnet die Krone anhand der Fotos dagegen Stufe 2 zu. Im städtischen Baumkataster vom August 2026 steht für denselben Baum wiederum Stufe 1. Gerade dieser Baum ist bemerkenswert: Nummer 258 gehörte bereits 2025 zu den drei Bäumen, bei denen der Stadtrat ausdrücklich prüfen ließ, ob sie erhalten werden können.

Bei Baum 163, einer Stiel-Eiche, stehen Antonis Stufe 0, eine städtische Fotoeinschätzung von 1 bis 2 und die Baumkatasterbewertung 1 nebeneinander. Baum 174 bewertet Antoni mit Stufe 1, die Stadt anhand der Fotos mit 2 bis 3 und das Baumkataster mit 2. Baum 255 erhält bei Antoni Stufe 0, in der städtischen Fotoauswertung Stufe 2 und im Baumkataster Stufe 1.

Damit gibt es nicht einfach zwei geschlossene Blöcke – „Sachverständige gegen Stadt“. Selbst die aktuelle Fotoeinschätzung des Stadtbaummanagements und das städtische Baumkataster kommen bei einzelnen Exemplaren auf unterschiedliche Vitalitätsstufen. Das ist fachlich nicht automatisch ein Widerspruch: Die Stadt weist selbst darauf hin, dass ältere Katasterbewertungen teilweise bis zu fünf Jahre zurückliegen könnten. Bei den genannten Vergleichsbäumen führt die Vorlage allerdings ausdrücklich auch Baumkatasterwerte mit Stand August 2026 auf.

Eine exemplarische Gegenprüfung – keine Prüfung aller 27

Für die Einordnung entscheidend ist der Umfang der städtischen Überprüfung. Gleich zu Beginn erklärt die Vorlage, man werde an fünf Bäumen exemplarisch auf Antonis Vitalitätsbeurteilung eingehen. In den anschließend ausdrücklich überschriebenen Einzelvergleichen der veröffentlichten Vorlage werden jedoch die Bäume 163, 174, 258 und 255 behandelt – also vier namentlich ausgewiesene Einzelprüfungen. Danach folgt ein eigener Abschnitt über fünf in der Vergangenheit stark eingekürzte beziehungsweise gekappte Pappeln mit den Nummern 162, 165, 200, 216 und 236. Im Fazit spricht die Verwaltung wiederum von „fünf“ exemplarisch vorgestellten Bäumen.

Die Pappeln behandelt die Stadt zudem methodisch anders. Nach ihrer Auffassung reicht dort die normale Vitalitätsbewertung nach dem verwendeten Roloff-Modell nicht aus; für stark eingekürzte beziehungsweise gekappte Bäume müsse zusätzlich ein Regenerationsstufen-Modell eingesetzt werden. Auch daraus ergeben sich schlechtere Bewertungen als in Antonis Stellungnahme.

Die Stadt zieht daraus das Fazit, zumindest bei den exemplarisch betrachteten Bäumen und den fünf Pappeln lasse sich eine schlechtere Vitalität darstellen als von Antoni festgestellt. Sie betont außerdem, dass Vitalität nur ein Baustein einer Gesamtbewertung sei. Standort, Umfeld und Vorschäden müssten ebenfalls berücksichtigt werden. Für die Linden nennt das Stadtbaummanagement beispielsweise einen nur etwa 1,3 bis zwei Meter breiten Standortstreifen an der Bundesstraße und verweist auf klimatische Belastungen der vergangenen Jahre.

Das ist eine fachlich relevante Gegenposition. Sie beantwortet allerdings nicht automatisch die Bewertung aller 27 untersuchten Bäume. Die städtische Vorlage bezeichnet ihre Prüfung selbst als exemplarisch.

Auch die Kosten haben sich verändert

Parallel zum Baumstreit hat sich auch die finanzielle Planung konkretisiert. Während für die beschlossene Variante 2025 zunächst rund 4,1 Millionen Euro genannt wurden und die Stadt im März 2026 von rund 3,8 Millionen Euro sprach, weist der endgültige Koblenzer Haushalt 2026 für das Projekt P671029000 Gesamtauszahlungen von 3.904.740 Euro aus. Als Investitionszuwendungen sind insgesamt 2,96 Millionen Euro eingeplant. Dabei handelt es sich um Haushaltsansätze und nicht um eine Schlussrechnung.

Auch der Ausbau selbst ist noch nicht unmittelbar baureif. Im Mai erklärte die Stadt, dass die naturschutzfachlichen Prüfungen erst in den weiteren Planungsphasen vorgenommen werden. Im März hatte sie den Baubeginn frühestens für Oktober 2027 angekündigt.

Am kommenden Donnerstag, 24. September 2026, erreicht der fachliche Streit nun den Werkausschuss „Grünflächen- und Bestattungswesen“. Dort steht die städtische Gegenbewertung unter Tagesordnungspunkt 4. Es handelt sich um eine Unterrichtungsvorlage – der Ausschuss soll also über den Sachstand informiert werden; die Vorlage selbst enthält keinen neuen Fällbeschluss. Tagesordnung des Werkausschusses vom 24. September

Damit bleiben vor allem drei Sachfragen offen: Welche aktuelle Baum-für-Baum-Liste entscheidet am Ende tatsächlich über Erhalt oder Fällung? Auf welcher Einzelbaumdokumentation beruhte die Aussage über 19 stark trockengeschädigte Bäume? Und wie fällt die abschließende Bewertung aus, wenn die noch angekündigten naturschutz- und artenschutzrechtlichen Untersuchungen in die Planung einfließen?

Genau daran wird sich nachvollziehen lassen, ob die bisherige Fällplanung in ihrer heutigen Form bestehen bleibt – oder ob weitere Bäume erhalten werden können.

Stand der Recherche: 19. September 2026.

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Quellen:

  • Stadt Koblenz – Beschlussvorlage BV/0490/2025/2, Ausbau Rad- und Gehweg Moselweiß. Originaldokument
  • Stadt Koblenz – Ausbau des Geh- und Radweges am Moselufer, Mitteilung vom 5. März 2026. Originalmeldung
  • Stadt Koblenz – ST/0043/2026, Stellungnahme zum Antrag auf Aufhebung des Ausbau-Beschlusses. Originaldokument
  • Stadt Koblenz – UV/0207/2026, Gegenprüfung zur Stellungnahme über den Baumbestand, 27. August 2026. 21-seitige Unterrichtungsvorlage
  • Interessengemeinschaft Moselufer Moselweiß / Daniela Antoni – Fachliche Stellungnahme zum Baumbestand. Untersuchung und Zusammenfassung
  • Stadt Koblenz – Haushalt 2026, Projekt P671029000 Moselweiß Moselufer. Haushaltsplan
  • Stadt Koblenz – Werkausschuss Grünflächen- und Bestattungswesen, Sitzung am 24. September 2026. Tagesordnung und Unterlagen

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