Die Stadt Koblenz will den Geh- und Radweg am Moselufer in Moselweiß auf rund 2,3 Kilometern ausbauen und auf bis zu 3,50 Meter verbreitern. Sie hält einen dauerhaften Erhalt der meisten betroffenen Bäume wegen eingeschränkter Vitalität und Zukunftsfähigkeit für nicht möglich. Eine von der Interessengemeinschaft Moselufer veröffentlichte fachliche Stellungnahme kommt bei 25 von 27 untersuchten Bäumen zu einer deutlich günstigeren Bewertung. Am 24. September 2026 erreicht der Streit nun offiziell den zuständigen Werkausschuss.
Zwei Bewertungen desselben Baumbestands
Am Moselufer in Koblenz-Moselweiß geht es längst nicht mehr nur um einen breiteren Geh- und Radweg. Im Mittelpunkt steht inzwischen die Frage, wie der vorhandene Baumbestand tatsächlich zu bewerten ist – und ob ein erheblicher Teil der Bäume für die geplante Umgestaltung weichen muss.
Die Stadt Koblenz plant auf einer Strecke von rund 2,3 Kilometern zwischen der Gülser Eisenbahnbrücke und der Peter-Klöckner-Straße einen Ausbau des vorhandenen Weges. Die heute teilweise schmale und beschädigte Verbindung soll auf bis zu 3,50 Meter verbreitert werden. Die Verwaltung begründet das Projekt mit Schäden am vorhandenen Weg, zu geringen Breiten für die gemeinsame Nutzung durch Fuß- und Radverkehr sowie dem Ziel einer durchgängigen Verbindung zwischen Lay und dem Deutschen Eck. Die Kosten bezifferte die Stadt im März 2026 mit voraussichtlich rund 3,8 Millionen Euro. Der Baubeginn ist nach dem veröffentlichten Zeitplan frühestens für Oktober 2027 vorgesehen.
Der eigentliche Konflikt entzündet sich jedoch am Grün entlang der Strecke. Die Stadt erklärte öffentlich, ein dauerhafter Erhalt der meisten Bäume sei auch unabhängig vom Ausbau nicht möglich. Sie verweist auf eine eingeschränkte Vitalität und Zukunftsfähigkeit und darauf, dass in der Vergangenheit bereits Bäume aus Gründen der Verkehrssicherheit entfernt werden mussten. Gleichzeitig sollen im Planungsgebiet neue, klimaangepasste Bäume gepflanzt und deren Standortbedingungen durch einen Bodenaustausch verbessert werden. Die bestehende Platanenallee soll nach Angaben der Stadt vollständig erhalten bleiben.
Die externe Untersuchung kommt zu einem anderen Bild
Genau an diesem Punkt widerspricht die Interessengemeinschaft Moselufer Moselweiß. Sie veröffentlichte im Juli eine fachliche Stellungnahme der freien Sachverständigen für Stadtbäume Daniela Antoni. Nach Darstellung der Initiative wurden 27 Bäume untersucht; 25 davon seien als vital bewertet worden. Die Untersuchung beschreibe den Bestand insgesamt als überwiegend vital und verkehrssicher und sehe für einen großen Teil eine positive Entwicklungsperspektive.
Damit stehen öffentlich zwei Aussagen nebeneinander, die auf den ersten Blick kaum zusammenpassen: Die Stadt sieht die Zukunftsfähigkeit eines erheblichen Teils des Bestands eingeschränkt, während die von der Bürgerinitiative herangezogene Sachverständige bei fast allen untersuchten Bäumen Vitalität feststellt.
Daraus folgt jedoch noch nicht automatisch, dass eine der beiden Seiten falsch gearbeitet hat.
Vitalität, Verkehrssicherheit und langfristige Zukunftsfähigkeit sind nicht vollständig identische Bewertungsmaßstäbe. Ein Baum kann zum Untersuchungszeitpunkt vital und verkehrssicher sein und dennoch an einem Standort stehen, dessen langfristige Entwicklung aus fachlicher Sicht kritisch bewertet wird. Umgekehrt darf eine langfristige Prognose nicht mit einer akuten Gefährdung oder einem aktuell schlechten Gesundheitszustand gleichgesetzt werden.
Genau deshalb reichen Schlagworte wie „gesund“ oder „nicht zukunftsfähig“ für eine belastbare öffentliche Bewertung nicht aus.
Entscheidend ist der Vergleich Baum für Baum
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob die Stadt oder die Bürgerinitiative die überzeugendere Überschrift liefert. Entscheidend ist, welche konkreten Feststellungen für die einzelnen betroffenen Bäume vorliegen.
Für eine nachvollziehbare Bewertung müsste erkennbar sein, welche Schäden festgestellt wurden, wie Vitalität, Stand- und Bruchsicherheit bewertet werden, welche Restentwicklung erwartet wird und welchen Einfluss der geplante Wegebau auf Wurzeln und Standorte hätte. Erst wenn diese Kriterien für denselben Baum miteinander verglichen werden, lässt sich feststellen, ob tatsächlich ein fachlicher Widerspruch besteht oder unterschiedliche Fragestellungen zu unterschiedlichen Ergebnissen geführt haben.
Die Interessengemeinschaft fordert deshalb ein einjähriges Moratorium für die beschlossene Ausbauvariante. Nach ihrer Darstellung soll diese Zeit genutzt werden, um Alternativen ergebnisoffen zu prüfen, Bürger stärker einzubeziehen und möglichst viele bestehende Bäume zu erhalten.
Die Stadt wiederum hatte bereits im Frühjahr zu gemeinsamen Begehungen eingeladen und angekündigt, die Planung nach weiteren Verkehrserhebungen weiter zu optimieren. Eine erneute Bürgerinformation soll folgen.
Damit ist die Planung zwar weit fortgeschritten, aber die öffentliche Auseinandersetzung noch nicht abgeschlossen.
Am 24. September kommt das Thema in den Ausschuss
Nun erreicht die fachliche Auseinandersetzung auch formal ein städtisches Gremium. Für die Sitzung des Werkausschusses „Grünflächen- und Bestattungswesen“ am 24. September 2026 ist unter Tagesordnungspunkt 4 ausdrücklich der „Ausbau des Geh- und Radweges in Moselweiss – Stellungnahme BI Moselufer Moselweiss“ vorgesehen.
Damit liegt erstmals eine konkrete Gelegenheit vor, die externe Bewertung und die bisherige Argumentation der Stadt im zuständigen Ausschuss gegenüberzustellen.
Für die politische Entscheidung ist dabei wichtig, zwei Fragen nicht miteinander zu vermischen. Die erste lautet, ob der Geh- und Radweg saniert und verbessert werden soll. Die zweite lautet, ob die bislang vorgesehene Ausbauvariante dafür zwingend erforderlich ist und wie viele bestehende Bäume bei alternativen Lösungen erhalten werden könnten.
Die externe Stellungnahme beweist nicht, dass jede geplante Fällung fachlich unbegründet wäre. Die bisherige Darstellung der Stadt beweist umgekehrt aber auch nicht, dass jeder betroffene Baum kurzfristig aus Gründen der Verkehrssicherheit entfernt werden müsste.
Genau zwischen diesen beiden Aussagen liegt die eigentliche offene Frage.
Jetzt braucht es nachvollziehbare Kriterien
Bis zum frühestens für Oktober 2027 vorgesehenen Baubeginn bleibt Zeit, die unterschiedlichen Bewertungen transparent aufzulösen.
Der nächste sinnvolle Schritt wäre deshalb eine nachvollziehbare Gegenüberstellung der Baumdaten: Welche Bäume sind konkret betroffen, wie bewertet sie die Stadt, wie die externe Sachverständige – und an welcher Stelle unterscheiden sich Diagnose, Prognose oder planerische Konsequenz?
Erst damit lässt sich sachlich beurteilen, ob der Konflikt tatsächlich ein Streit über den Gesundheitszustand der Bäume ist oder vielmehr darüber, welchen Spielraum die Verkehrsplanung für ihren Erhalt lässt.
Die Sitzung am 24. September könnte dafür erstmals eine belastbare Grundlage schaffen.
Quellen:
- Stadt Koblenz – Beschlussvorlage BV/0490/2025/2, Ausbau Rad- und Gehweg Moselweiß. Originaldokument
- Stadt Koblenz – Ausbau des Geh- und Radweges am Moselufer, Mitteilung vom 5. März 2026. Originalmeldung
- Stadt Koblenz – ST/0043/2026, Stellungnahme zum Antrag auf Aufhebung des Ausbau-Beschlusses. Originaldokument
- Stadt Koblenz – UV/0207/2026, Gegenprüfung zur Stellungnahme über den Baumbestand, 27. August 2026. 21-seitige Unterrichtungsvorlage
- Interessengemeinschaft Moselufer Moselweiß / Daniela Antoni – Fachliche Stellungnahme zum Baumbestand. Untersuchung und Zusammenfassung
- Stadt Koblenz – Haushalt 2026, Projekt P671029000 Moselweiß Moselufer. Haushaltsplan
- Stadt Koblenz – Werkausschuss Grünflächen- und Bestattungswesen, Sitzung am 24. September 2026. Tagesordnung und Unterlagen

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