Die Caritas hat ihre ambulante Wohnungslosenhilfe in Lahnstein 2026 personell verstärkt. Die Unterstützung eines Streetworkers durch die Apollonia-von-Ehr-Stiftung lässt sich unabhängig bestätigen – nicht jedoch die konkrete Fördersumme oder eine öffentlich zugängliche Bilanz seiner Arbeit. Gleichzeitig sank der Bestand gebundener Mietwohnungen im Rhein-Lahn-Kreis zwischen 2020 und 2024 von 918 auf 710. Damit rückt eine andere Frage in den Mittelpunkt: Was kann Beratung leisten, wenn sie selbst keinen Wohnraum bereitstellen kann?
Mehr Hilfe für Wohnungslose – doch wohin danach?
Wer seine Wohnung verliert, hat selten nur ein einziges Problem. Mietschulden, fehlende Leistungen, eine ungeklärte Krankenversicherung, Probleme mit Behörden und manchmal schon die fehlende Adresse für amtliche Post können sich gegenseitig verstärken. In Lahnstein hat die Caritas deshalb ihre ambulante Wohnungslosenhilfe erweitert. Das zusätzliche Angebot ist belegt. Wie viele Menschen es erreicht, was es kostet und was nach der Beratung tatsächlich aus den einzelnen Fällen wird, lässt sich aus den öffentlich zugänglichen Angaben bislang allerdings nicht nachvollziehen.
Nach einer am 11. September verbreiteten Caritas-Mitteilung arbeitet Valentin Klueß seit Anfang 2026 in der ambulanten Wohnungslosenhilfe. Er begleitet demnach Betroffene zu Behörden, hilft bei Anträgen, Fragen zur Krankenversicherung, beim Kontakt mit dem Jobcenter sowie bei der Einrichtung einer postalischen Adresse. Als Finanzier wird die Apollonia-von-Ehr-Stiftung genannt.
Diesen Teil konnte 2halb3 zumindest grundsätzlich unabhängig nachvollziehen: Die Stiftung selbst erklärt auf ihrer Internetseite, dass in Kooperation mit dem Caritasverband Westerwald-Rhein-Lahn ein Streetworker unterstützt werden soll, der wohnungslose und hilfsbedürftige Menschen in Lahnstein und Umgebung aufsucht. Eine Fördersumme nennt die Stiftung dort jedoch ebenso wenig wie einen Stellenumfang oder Kennzahlen zur bisherigen Arbeit.
In der ursprünglichen Caritas-Mitteilung ist von einer zunächst dreijährigen Finanzierung die Rede. Diese Laufzeit lässt sich aus der öffentlichen Projektdarstellung der Stiftung nicht zusätzlich bestätigen. Das bedeutet nicht, dass die Angabe falsch ist – lediglich, dass 2halb3 dafür bislang keinen unabhängigen Primärbeleg gefunden hat.
Viel Hilfe – aber wenig öffentlich messbare Wirkung
Dass in Lahnstein verschiedene Hilfen existieren, steht außer Frage. Neben der ambulanten Begleitung gibt es die Fachberatungsstelle Wohnraumsicherung Rhein-Lahn. Für Lahnstein sowie die Verbandsgemeinden Bad Ems-Nassau und Loreley ist der Caritasverband zuständig. Die Beratungsstelle unterstützt Menschen bei bestehender oder drohender Wohnungslosigkeit, Mietrückständen, Kündigungen und Räumungsklagen und begleitet Kontakte mit Behörden und Vermietern.
Dazu kommen das Haus St. Christophorus, der Tagesaufenthalt TREFF und weitere Angebote. Im TREFF können Betroffene unter anderem duschen, Wäsche waschen, Essen zubereiten und Beratungsdienste erreichen. Geöffnet ist die Einrichtung montags bis donnerstags von 9 bis 16 Uhr und freitags bis 14 Uhr; an Wochenenden und Feiertagen bleibt der Tagesaufenthalt geschlossen.
Die entscheidende Datenlücke liegt deshalb nicht beim Vorhandensein von Hilfe. Öffentlich nicht nachvollziehbar ist vielmehr deren aktueller Umfang und Wirkung. Eine Fallbilanz der seit Anfang 2026 verstärkten ambulanten Arbeit mit Zahl der betreuten Personen, Beratungskontakten oder dokumentierten Ergebnissen konnte 2halb3 in den geprüften aktuellen Veröffentlichungen nicht finden.
Eine einfache „Erfolgsquote“ würde die Arbeit zudem nur unzureichend beschreiben. Ein geklärter Krankenversicherungsschutz, wieder bewilligte Sozialleistungen oder ein verhinderter Wohnungsverlust können ebenso wichtige Ergebnisse sein wie eine neue Wohnung. Gerade deshalb wären differenzierte Fall- und Ergebniszahlen aussagekräftiger.
Dass solche Zahlen öffentlich nicht auffindbar sind, belegt ausdrücklich nicht, dass sie intern nicht erhoben werden oder die Hilfe nicht funktioniert. Eine Pflicht des Caritasverbandes, eine solche Detailbilanz öffentlich vorzulegen, ist daraus ebenfalls nicht abzuleiten. Für eine öffentliche Bewertung, wie groß der Bedarf ist und welche Wirkung die zusätzlichen Hilfen entfalten, fehlen damit aber wesentliche Daten.
Die Beratungsstelle nennt ihre eigene Grenze
Besonders deutlich wird der strukturelle Konflikt auf der Internetseite des Kooperationspartners Regionale Diakonie Westerwald Rhein-Lahn. Dort wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Fachberatungsstelle keinen eigenen Wohnraum bereitstellen kann und auch keine direkte Wohnungsvermittlung durchführt.
Das schmälert den Wert der Beratung nicht. Wer durch Unterstützung eine Kündigung verhindert, Ansprüche durchsetzt oder wieder Zugang zum Hilfesystem bekommt, kann bereits entscheidend stabilisiert werden. Wenn eine Wohnung aber endgültig verloren ist, wird aus einem Beratungsproblem schnell ein Wohnungsproblem.
Und genau an diesem Punkt werden die Zahlen für den Rhein-Lahn-Kreis relevant.
Nach Daten der Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz, die das Finanzministerium dem Landtag vorgelegt hat, gab es Ende 2020 im Rhein-Lahn-Kreis noch 918 Mietwohnungen mit Belegungs- oder Mietbindungen. Ende 2021 waren es 900, Ende 2022 noch 785, Ende 2023 noch 772 und Ende 2024 schließlich 710. Innerhalb von vier Jahren sank der gebundene Bestand damit um 208 Wohnungen oder rund 22,7 Prozent.
112 weitere Bindungsausläufe für 2026 ausgewiesen
Hinzu kommt ein weiterer Effekt. In der Antwort des Finanzministeriums sind für den Rhein-Lahn-Kreis für 2026 insgesamt 112 planmäßig auslaufende Mietpreisbindungen ausgewiesen. Von 2025 bis einschließlich 2029 summieren sich die damals vorgesehenen Bindungsausläufe auf 443 Wohnungen.
Diese Zahl darf allerdings nicht mit 443 tatsächlich wegfallenden Sozialwohnungen gleichgesetzt werden. Neue geförderte Wohnungen können hinzukommen. Zudem weist das Finanzministerium darauf hin, dass nach Ende einer Bindung bestehende Mietverträge weiterhin dem Mietrecht unterliegen und die vergleichsweise niedrige Ausgangsmiete häufig noch längere Zeit unter Marktniveau bleibt.
Gegenbewegung gibt es ebenfalls: Für den Rhein-Lahn-Kreis weist das Land für 2024 und für Förderzusagen bis zum 31. August 2025 insgesamt 47 geförderte Mietwohnungen einschließlich Modernisierungen aus. Allerdings erscheinen neu geförderte Wohnungen erst nach Bezugsfertigkeit beziehungsweise Fertigstellung im gebundenen Bestand.
Die Zahlen erlauben deshalb keine Aussage, dass sich die Wohnraumversorgung zwangsläufig weiter verschlechtert. Sie belegen aber einen erheblichen Rückgang des gebundenen Bestands in den vergangenen Jahren und weitere anstehende Bindungsausläufe.
Bezahlbarer Wohnraum war schon früher ein Problem
Neu ist der Konflikt in Lahnstein nicht. In den offiziellen Unterlagen zum Bebauungsplan „An der Alten Markthalle“ findet sich eine Stellungnahme des Caritasverbandes aus dem Jahr 2018. Darin verweist der Verband auf einen von ihm initiierten Runden Tisch mit Stadtverwaltung, Kirchen, Jobcenter, Wohnungsgenossenschaft und Haus & Grund.
Das damalige Ergebnis fiel deutlich aus: Der Wohnungsmarkt in Lahnstein wurde als angespannt beschrieben. Wirklich preiswerte Wohnungen würden auf dem freien Markt nur begrenzt angeboten, während unterschiedliche Bevölkerungsgruppen um bezahlbaren Wohnraum konkurrierten. Betroffen seien nicht nur klassische soziale Randgruppen, sondern auch Rentner, Geringverdiener und größere Familien.
Das Dokument ist mehr als acht Jahre alt und ausdrücklich keine aktuelle Wohnungsmarktanalyse für 2026. Es zeigt jedoch, dass die Schwierigkeiten beim Zugang zu preiswertem Wohnraum in Lahnstein bereits lange vor der jetzigen Verstärkung der Wohnungslosenhilfe bekannt waren.
Wie viele Notplätze hat Lahnstein heute?
Noch auffälliger ist die Datenlage bei der akuten Unterbringung.
Die Caritas errichtete gemeinsam mit Ordnungsamt, Polizei und weiteren Beteiligten Anfang 2020 eine Notschlafstelle in Lahnstein. Im Jahresheft 2021 berichtete der Verband von ursprünglich vier Schlafplätzen, die während der Corona-Pandemie zeitweise auf zwei reduziert werden mussten. Für den vorausgegangenen Winter wurden rund 60 Übernachtungen genannt. Schon für 2019 berichtete der Verband von mehr als 180 Anfragen nach einem Wohnplatz im Haus St. Christophorus.
Das sind historische Zahlen.
Auf der heute erreichbaren Caritas-Seite wird weiterhin auf die Notschlafstelle verwiesen. Eine aktuelle Zahl der Schlafplätze, der jährlichen Übernachtungen, der Auslastung oder möglicher nicht erfüllter Übernachtungswünsche wird dort jedoch nicht ausgewiesen.
Daneben besteht in Lahnstein das „Dezentrale Stationäre Wohnen U27“ für wohnungslose junge Männer unter 27 Jahren. Dafür nennt die Caritas aktuell vier Einzelzimmer. Diese vier Plätze dürfen jedoch nicht mit der allgemeinen Notschlafstelle gleichgesetzt werden: Es handelt sich um ein eigenes stationäres Unterstützungsangebot mit eigener Zielgruppe und Aufnahmevoraussetzungen.
Damit bleibt eine für die Bewertung des lokalen Systems zentrale Frage derzeit unbeantwortet: Wie viele kurzfristig verfügbare Notplätze hat Lahnstein 2026 tatsächlich – und wie häufig reichen sie aus oder nicht aus?
Auch hier gilt: Das Fehlen öffentlich auffindbarer Zahlen ist kein Beleg für fehlende Kapazitäten.
Am Ende bleibt die Kommune in der Verantwortung
Wohnungslosenhilfe ist nicht allein Aufgabe eines Wohlfahrtsverbandes. Das rheinland-pfälzische Sozialministerium beschreibt eine geteilte Verantwortung. Landkreise und kreisfreie Städte sind als Sozialhilfeträger für Hilfen nach § 67 SGB XII zuständig. Zu den örtlichen Aufgaben gehören unter anderem Tagesaufenthalte, Streetwork und reine Übernachtungseinrichtungen.
Wenn ein Mensch tatsächlich obdachlos wird, kommt zusätzlich das Ordnungsrecht ins Spiel. Nach Angaben des Ministeriums sind die kommunalen Ordnungsbehörden für die Unterbringung obdachloser Menschen in Ersatzwohnraum zuständig, weil Obdachlosigkeit als Gefahr für Leib und Leben gilt.
Damit hat die Frage nach funktionierender Prävention auch eine finanzielle kommunale Dimension. Wie viele Menschen Lahnstein in den vergangenen Jahren ordnungsrechtlich unterbringen musste und welche Kosten daraus entstanden, ließ sich aus den von 2halb3 geprüften öffentlich zugänglichen Unterlagen bislang jedoch nicht belastbar beziffern.
Eine konkrete Summe für „Folgekosten der Wohnungslosigkeit“ in Lahnstein wäre deshalb derzeit Spekulation.
Ein anderes Modell existiert bereits im Nachbarkreis
Interessant ist schließlich der Blick in den Westerwaldkreis. Dort weist derselbe Caritasverband gemeinsam mit weiteren Partnern ein „Housing First“-Angebot aus. Der Ansatz unterscheidet sich grundlegend vom klassischen Stufenmodell: Bei Housing First steht eine reguläre, dauerhaft gesicherte Wohnung am Anfang des Hilfeprozesses; begleitende soziale Unterstützung folgt anschließend.
Ein entsprechendes öffentlich ausgewiesenes Housing-First-Projekt für Lahnstein oder den Rhein-Lahn-Kreis konnte 2halb3 in den geprüften Quellen nicht finden. Daraus folgt nicht, dass das Westerwälder Modell ohne Weiteres auf Lahnstein übertragbar wäre. Auch Housing First benötigt schließlich geeigneten Wohnraum.
Es macht aber den Kernkonflikt sichtbar: Beratung kann viel auffangen. Sie kann einen Wohnungsverlust verhindern, Ansprüche sichern und Menschen zurück in bestehende Hilfesysteme bringen. Ist eine Wohnung aber bereits verloren und fehlt geeigneter Ersatz, stößt auch intensive Beratung an eine materielle Grenze.
Die neue ambulante Unterstützung in Lahnstein erweitert damit nachweislich das Hilfesystem. Ob sie angesichts des Wohnungsmarktes ausreichend ausgestattet ist, wie viele Menschen sie erreicht und wie häufig am Ende tatsächlich eine dauerhafte Wohnperspektive entsteht, lässt sich mit den derzeit veröffentlichten Daten nicht belastbar beantworten.
Genau diese Bilanz fehlt bislang.
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Stellungnahme:
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Quellen:
- Apollonia-von-Ehr-Stiftung – Soziale Arbeit / Unterstützung eines Streetworkers in Lahnstein – Direkt zur Quelle
- Caritasverband Westerwald-Rhein-Lahn – Fachberatungsstelle Wohnraumsicherung Rhein-Lahn – Direkt zur Quelle
- Regionale Diakonie Westerwald Rhein-Lahn – Fachberatungsstelle Wohnraumsicherung – Direkt zur Quelle
- Ministerium der Finanzen Rheinland-Pfalz / Landtag – Sozialer Mietwohnungsbestand, Bindungsausläufe und Förderung – Landtagsdrucksache 18/13187 als PDF
- Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen, Familie und Jugend Rheinland-Pfalz – Wohnungslosenhilfe und Zuständigkeiten – Direkt zur Quelle
- Caritasverband Westerwald-Rhein-Lahn – Haus St. Christophorus und Tagesaufenthalt TREFF – Direkt zur Quelle
- Caritasverband Westerwald-Rhein-Lahn – Jahresheft 2021 / Notschlafstelle Lahnstein – Jahresheft öffnen
- Caritasverband Westerwald-Rhein-Lahn – Dezentrales Stationäres Wohnen U27 – Direkt zur Quelle
- Stadt Lahnstein – Bebauungsplan Nr. 48 „An der Alten Markthalle“, Stellungnahme zum bezahlbaren Wohnen – Planungsunterlagen als PDF
- Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen, Familie und Jugend Rheinland-Pfalz – Housing First – Direkt zur Quelle
- Caritasverband Westerwald-Rhein-Lahn – Housing First im Westerwaldkreis – Direkt zur Quelle

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