Nach fünf Explosionen in Frankfurt und Offenbach rückt das hessische Innenministerium „Violence as a Service“ stärker in den Fokus. Für 2026 meldet das Land bereits so viele Fälle wie im gesamten Jahr 2025. Ob die fünf jüngsten Taten tatsächlich zusammenhängen, war zuletzt jedoch noch Gegenstand der Ermittlungen.
Fünf Explosionen, zwei junge Verdächtige: Hessen meldet bei „Violence as a Service“ schon das Niveau von 2025.
Fünf Explosionen innerhalb weniger Tage, Tatorte an Geschäften und Wohnhäusern und zwei sehr junge Tatverdächtige: Was sich Mitte September im Rhein-Main-Gebiet ereignet hat, passt zumindest in wesentlichen Merkmalen zu einem Kriminalitätsmodell, das Sicherheitsbehörden inzwischen europaweit beschäftigt. Auftraggeber bleiben auf Distanz, während andere die Gewalt ausführen – häufig Jugendliche oder junge Erwachsene, die über digitale Kanäle angeworben werden. In Hessen nennt das Innenministerium dieses Phänomen „Violence as a Service“, kurz VaaS. Die Zahl der erfassten Fälle hat nach Angaben des Landes bereits Mitte September das Niveau des gesamten Vorjahres erreicht.
Dabei ist eine Unterscheidung entscheidend: Das Innenministerium nimmt die fünf jüngsten Sprengstoffexplosionen zum Anlass für seine VaaS-Bilanz. Die Polizei hatte einen Tag zuvor aber ausdrücklich erklärt, dass noch untersucht werde, ob zwischen diesen fünf Taten überhaupt ein Zusammenhang besteht. Erste Erkenntnisse wiesen demnach auf mögliche Bezüge zur Organisierten Kriminalität hin. Dass sämtliche fünf Explosionen bereits abschließend als Teil einer gemeinsamen VaaS-Struktur eingeordnet werden können, ist damit bislang nicht belegt.
Fünf Explosionen innerhalb weniger Tage
Die Serie lässt sich anhand der veröffentlichten Polizeimeldungen weitgehend rekonstruieren. Am frühen Morgen des 13. September meldeten Zeugen in der Frankfurter Straße in Offenbach einen lauten Knall und Feuerschein. Beschädigt wurden die Schaufensterscheiben einer Bar und eines gegenüberliegenden Cafés. Die Kriminalpolizei leitete Ermittlungen wegen des Verdachts des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion ein. Verletzt wurde nach damaligem Stand niemand.
Fast zeitgleich kam es in Frankfurt-Sachsenhausen zu einer weiteren Explosion. Vor einem Kiosk an der Mörfelder Landstraße detonierte nach Polizeiangaben ein unbekannter Gegenstand. Das Gebäude wurde beschädigt. Im Nahbereich nahmen Einsatzkräfte einen 15-jährigen Tatverdächtigen fest. Am folgenden Morgen, dem 14. September, explodierte dann ein weiterer Gegenstand vor der Eingangstür eines Mehrfamilienhauses in Frankfurt-Bockenheim. Auch dort entstand Sachschaden, verletzt wurde niemand. Das Hessische Landeskriminalamt unterstützte die Ermittlungen.
Am 17. September folgten innerhalb weniger Minuten zwei weitere Explosionen in Frankfurt. Zunächst traf es ein Ladengeschäft an der Berger Straße, kurz darauf eine Shisha-Bar im Bereich der Zeil. Gebäude, Nachbargebäude und geparkte Fahrzeuge wurden beschädigt. Eine Streife nahm einen 17-jährigen niederländischen Tatverdächtigen in Tatortnähe fest. Die Ermittler bezogen anschließend ausdrücklich auch die drei zuvor bekannt gewordenen Fälle in ihre Arbeit ein.
Damit ergibt sich aus den veröffentlichten Polizeimeldungen genau jene Größenordnung von fünf jüngeren Sprengstoffexplosionen, auf die das Innenministerium einen Tag später Bezug nahm. Zugleich bleibt die zentrale kriminalistische Frage offen: Handelte es sich tatsächlich um eine zusammenhängende Serie – und wenn ja, wer hat sie organisiert?
Fallzahl erreicht 2025er-Niveau – genaue Zahl bleibt offen
Die Entwicklung reicht über die aktuelle Serie hinaus. Nach Angaben des Innenministeriums erfasste die hessische Polizei das Phänomen ab 2024 zunächst nur vereinzelt; die Zahl habe damals im einstelligen Bereich gelegen. 2025 sei sie in den „unteren zweistelligen Bereich“ gestiegen. Für 2026 meldet das Ministerium inzwischen bereits ebenso viele Fälle wie im gesamten Jahr 2025. Eine konkrete Zahl nennt die Behörde allerdings nicht. Dadurch lässt sich aus der veröffentlichten Bilanz weder die exakte Zunahme noch eine prozentuale Entwicklung nachvollziehen.
Eine frühere Bilanz des Polizeipräsidiums Frankfurt zeigt zumindest einen Teil des damaligen Geschehens: Zwischen Juli und September 2025 registrierten die Behörden im Rhein-Main-Gebiet sieben entsprechend eingeordnete Taten, unter anderem in Frankfurt, Taunusstein, Offenbach und Neu-Isenburg. Dazu gehörten Sprengstoffexplosionen und schwere Brandstiftungen. Die Frankfurter Polizei beschrieb schon damals die arbeitsteilige Struktur als besondere Herausforderung für die Ermittler.
Seit November 2025 arbeitet deshalb beim Hessischen Landeskriminalamt eine eigene Taskforce „Violence as a Service“. Nach Angaben des Innenministeriums bündelt sie operative, analytische und strategische Fähigkeiten. Hinzu kommen landesweite Kontrollaktionen, Schleierfahndungsmaßnahmen auf Autobahnen, Datenanalyse mit hessenDATA, regionale Einheiten gegen organisierte Kriminalität sowie eine verstärkte Zusammenarbeit mit Europol, dem Bundeskriminalamt und niederländischen Behörden.
Was die öffentlich zugängliche Bilanz bisher nicht ausweist, ist allerdings ebenso relevant: Das Ministerium nennt weder die personelle Stärke der Taskforce noch die Zahl der von ihr bearbeiteten Verfahren. Auch eine gesonderte Bilanz zu identifizierten Auftraggebern, Rekrutierern und Vermittlern, zu Festnahmen aufgrund ihrer Arbeit oder zu rechtskräftigen Verurteilungen enthält die aktuelle Mitteilung nicht. Damit bleibt öffentlich schwer messbar, wie weit die Ermittlungen bislang über die unmittelbar ausführenden Tatverdächtigen hinausreichen.
Jugendliche übernehmen das Risiko
Genau darin liegt eine Besonderheit von Violence as a Service. Nach Einschätzung des hessischen Innenministeriums werden häufig Minderjährige und junge Erwachsene im Alter zwischen 15 und 25 Jahren angeworben. Teilweise stammen sie aus dem Ausland und reisen eigens zur Begehung der Tat nach Deutschland ein; auch Rekrutierungen innerhalb Deutschlands seien bereits festgestellt worden. Das ist eine Behördenbewertung des Phänomens und keine Feststellung zu jedem einzelnen aktuellen Tatverdächtigen.
Europol beschreibt dahinter eine regelrechte Arbeitsteilung. Ein Auftraggeber gibt die Tat in Auftrag und finanziert sie. Rekrutierer suchen geeignete Ausführende, Organisatoren stellen Logistik oder Tatmittel bereit, während schließlich ein anderer die eigentliche Gewalttat begeht. Diese Beteiligten können sich in verschiedenen Ländern befinden und einander teilweise gar nicht persönlich kennen.
Die Rekrutierung verlagert sich dabei stark ins Digitale. Nach Erkenntnissen der europäischen Polizeibehörde werden Jugendliche über soziale Medien, Messenger sowie Chat- und Gaming-Plattformen angesprochen. Dabei können Geld, Status und Zugehörigkeit eine Rolle spielen; Europol beschreibt außerdem codierte Kommunikation und spielerisch wirkende Aufgaben als Rekrutierungsmethoden. Die im April 2025 eingerichtete europäische Taskforce GRIMM soll deshalb nicht nur ausführende Täter verfolgen, sondern gerade Rekrutierer und die dahinterliegenden Strukturen identifizieren. Deutschland gehört zu dieser Zusammenarbeit.
Dass diese grenzüberschreitende Struktur nicht nur theoretisch besteht, zeigte bereits ein deutsch-niederländisches Ermittlungsverfahren, über das Europol Anfang 2025 berichtete. Nach einem Konflikt im Drogenhandel waren demnach niederländische Täter für gewaltsame Vergeltungsaktionen in Deutschland angeworben worden. Im Zuge der internationalen Ermittlungen wurden 23 Personen festgenommen; zu den untersuchten Taten gehörten Explosionen und Entführungen.
Der entscheidende Maßstab liegt hinter dem Tatort
Die schnellen Festnahmen eines 15-Jährigen nach der Explosion in Sachsenhausen und eines 17-jährigen Niederländers nach den beiden Explosionen vom 17. September zeigen zunächst, dass die Polizei in konkreten Fällen Tatverdächtige unmittelbar erreichen konnte. Sie beantworten aber nicht die strukturelle Frage hinter Violence as a Service: Wer gab mögliche Aufträge, wer vermittelte sie, wie liefen Bezahlung und Kommunikation, und welche digitalen Rekrutierungswege wurden genutzt? Die Polizei selbst erklärt, gerade mögliche Tatzusammenhänge und Bezüge zur Organisierten Kriminalität weiter aufklären zu wollen.
Das Innenministerium kündigt außerdem Sensibilisierungsmaßnahmen innerhalb der Polizei und in der Öffentlichkeit an. Wie viele Schulen, Jugendhilfeeinrichtungen, Eltern oder Jugendliche mit konkreten Präventionsangeboten erreicht werden sollen und welche messbaren Ziele dafür gelten, geht aus der aktuellen Mitteilung nicht hervor. Gerade weil die Behörden selbst die Anwerbung junger Menschen als wesentliches Element des Phänomens beschreiben, bleibt die Präventionsbilanz neben der Strafverfolgung ein wichtiger offener Punkt.
Für den Norden und die Mitte Hessens enthält die aktuelle Veröffentlichung zudem keine konkrete regionale Fallaufteilung. Die fünf jüngsten Explosionen betreffen Frankfurt und Offenbach. Konkrete aktuelle VaaS-Fälle im Landkreis Limburg-Weilburg oder im Lahn-Dill-Kreis werden in der Mitteilung nicht genannt. Das Innenministerium bewertet das Phänomen allerdings als über Hessen hinausgehende Entwicklung und will es nach eigenen Angaben auch in die Innenministerkonferenz einbringen.
Damit wird die nächste Bilanz entscheidend: nicht nur die Zahl festgenommener mutmaßlicher Ausführender, sondern die Frage, wie viele Auftraggeber, Rekrutierer und organisatorische Strukturen identifiziert und strafrechtlich verfolgt werden können. Genau dort entscheidet sich, ob das Geschäftsmodell hinter der Gewalt tatsächlich unterbrochen wird.
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Quellen:
- Hessisches Ministerium des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz – „Poseck verstärkt Kampf gegen Violence as a Service“, 18. September 2026: Direkt zur Mitteilung
- Polizeipräsidium Frankfurt – Zwei Sprengstoffexplosionen in Sachsenhausen und Bockenheim, 14. September 2026: Polizeimeldung
- Polizeipräsidium Frankfurt – Festnahme nach zwei Explosionen am 17. September 2026: Polizeimeldung
- Polizeipräsidium Südosthessen – Explosion in Offenbach, 13. September 2026: Polizeimeldung
- Polizei Hessen – Polizeiliche Kriminalstatistik Frankfurt 2025, Abschnitt „Violence as a Service“: Zur PKS-Auswertung
- Europol – Operational Taskforce GRIMM und Rekrutierung junger Täter: Europol-Hintergrund
- Europol – Aufbau der VaaS-Täterkette vom Auftraggeber bis zum Ausführenden: Europol-Analyse
- Europol – Deutsch-niederländisches Verfahren zu explosionsgestützter Gewalt, Januar 2025: Europol-Fallbericht

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