7,17 Millionen Euro Defizit, 44,13 Millionen Euro Investitionen und gut zehn Millionen Euro neue Schulden: Der Westerwaldkreis hält die Kreisumlage stabil. Doch eine öffentliche Prioritätenliste für weitere Kürzungen fehlt.
44 Millionen im Plan – doch was fliegt zuerst?
Der Westerwaldkreis weiß, dass er sparen muss. Er sagt nur nicht vollständig, wo. Im Haushalt 2026 stehen ein Fehlbetrag von rund 7,17 Millionen Euro, Investitionsauszahlungen von 44,13 Millionen Euro und eine Nettoneuverschuldung von gut zehn Millionen Euro. Gleichzeitig hält der Kreis die Kreisumlage bei 43 Prozent, um Städte und Gemeinden nicht noch stärker zu belasten.
Das klingt nach einem politischen Balanceakt. Tatsächlich steckt dahinter ein harter Verteilungskonflikt: Schont der Kreis die kommunalen Haushalte, fehlen ihm selbst Millionen. Holt er sich das Geld über eine höhere Kreisumlage, wandert das Problem in die Rathäuser. Dort fehlen die Beträge anschließend für Straßen, Kitas, Feuerwehr, Vereine oder eigene Investitionen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob der Kreis spart. Sie lautet: Welche Vorhaben trifft es zuerst, wenn Einnahmen ausbleiben oder Kosten weiter steigen?
Unsere Auswertung der Haushaltsunterlagen, Sitzungsprotokolle und späteren Beschlüsse zeigt eine erkennbare Linie. Freiwillige, noch nicht begonnene und zeitlich verschiebbare Maßnahmen geraten zuerst unter Druck. Laufende Großprojekte, rechtlich gebundene Zuschüsse, akute Sanierungen und Sicherheitsmaßnahmen schützt der Kreis dagegen weitgehend. Eine namentliche Streichliste legt er öffentlich trotzdem nicht vor.
Drei Zahlen – aber drei verschiedene Rechnungen
Der Haushaltsplan 2026 des Westerwaldkreises weist im Ergebnishaushalt ein Minus von exakt 7.171.930 Euro aus. Im Investitionsbereich plant der Kreis Auszahlungen von 44.132.940 Euro. Neue Investitionskredite sollen brutto 10.274.530 Euro bringen. Nach 250.000 Euro Tilgung bleiben 10.024.530 Euro zusätzliche Schulden.
Diese Beträge darf man nicht einfach zusammenwerfen. Die Investitionen belasten zunächst den Finanzhaushalt. Im Ergebnishaushalt schlagen später unter anderem Abschreibungen und Zinsen durch. Das Defizit von 7,17 Millionen Euro entsteht also nicht allein deshalb, weil der Kreis 44 Millionen Euro investieren will.
Trotzdem bleibt die finanzielle Spannung gewaltig. Den Investitionsauszahlungen stehen rund 26 Millionen Euro an investiven Einzahlungen gegenüber. Bund, Land und andere Geldgeber finanzieren damit knapp 59 Prozent. Der Kreis muss den verbleibenden Teil aus Krediten und eigenen Mitteln decken.
Allein 14 Millionen Euro stehen für den Breitbandausbau bereit. Weitere 12,62 Millionen Euro entfallen auf kreiseigene Gebäude und gut sieben Millionen Euro auf Kreisstraßen und Radwege. Hinzu kommen unter anderem 3,47 Millionen Euro Schulbauzuschüsse und 1,5 Millionen Euro für Kita-Investitionen.
Große Zahlen erzeugen allerdings noch keine Baustellen. Ein Haushaltsansatz erlaubt eine Ausgabe. Er garantiert nicht, dass das Projekt im selben Jahr tatsächlich vorankommt.
Der Rotstift war längst da
Der Kreis hat bereits vor dem Haushaltsbeschluss gekürzt. Das zeigen die Anlagen zur Kreistagssitzung vom 12. Dezember 2025. Die pauschalen Mittel für Bauunterhaltung sanken mindestens um zehn Prozent. Noch deutlicher fällt der Einschnitt bei einzelnen Unterhaltungsmaßnahmen aus: Statt 2,78 Millionen Euro im Vorjahr stehen 2026 nur noch rund 616.000 Euro bereit.
Das entspricht einem Rückgang um etwa 2,16 Millionen Euro oder knapp 78 Prozent. Die Verwaltung erklärte dazu, sie habe Einzelmaßnahmen in Folgejahre verschoben oder gestrichen. Welche Dächer, Fassaden, Räume oder technischen Anlagen das konkret betrifft, geht aus den veröffentlichten Unterlagen jedoch nicht hervor.
Genau hier beginnt das Transparenzproblem. Der Kreis nennt die Einsparsumme, aber nicht die vollständige Projektliste. Bürger und betroffene Einrichtungen können deshalb kaum prüfen, ob die Verwaltung nur kosmetische Arbeiten vertagt oder notwendige Sanierungen in die Zukunft schiebt. Bei Gebäuden kann ein Aufschub später sogar teurer werden.
Freiwillig heißt im Zweifel: kein Geld
Ein Vorgang aus dem Schulausschuss zeigt, wie die Reihenfolge in der Praxis aussieht. Dort ging es im März um veraltete mobile Endgeräte. Teilweise ließen sich nach Angaben aus dem Ausschuss keine Updates mehr aufspielen. Die Kreisverwaltung verwies auf die fehlende gesetzliche Verpflichtung und die knappe Haushaltslage. Finanzielle Mittel für diese freiwillige Leistung könne der Kreis deshalb nicht bereitstellen. Das hält die Niederschrift der gemeinsamen Schulausschusssitzung fest.
Der Bedarf war damit nicht verschwunden. Nur die Finanzierung verschwand. Dieses Beispiel liefert die bislang deutlichste Antwort auf die Kürzungsfrage: Was sinnvoll, aber nicht verpflichtend ist, steht zuerst am Rand.
65 Millionen Euro aus alten Jahren warten noch
Noch brisanter wirkt eine Zahl, die im eigentlichen Haushaltsbeschluss kaum Schlagzeilen machte. Im April 2026 nahm der Kreisausschuss investive Haushaltsermächtigungen von 65.075.980 Euro aus früheren Jahren mit in das laufende Jahr. Dazu kamen 4.311.100 Euro für nichtinvestive Aufwendungen und Auszahlungen. Die Beschlussvorlage zur Übertragung nennt Fachkräftemangel, verzögerte Bauprojekte, ausstehende Förderbescheide und die Abhängigkeit vom Landesbetrieb Mobilität als Ursachen.
Rechnet man den neuen Investitionsansatz und die alten Ermächtigungen zusammen, stehen 2026 theoretisch mehr als 109 Millionen Euro für Investitionen zur Verfügung. Niemand behauptet, dass diese Summe vollständig abfließt. Die Größenordnung zeigt aber: Dem Kreis fehlt nicht nur Geld. Ihm fehlt an vielen Stellen auch die Fähigkeit, beschlossene Vorhaben zeitnah umzusetzen.
Besonders hohe Übertragungen entfallen auf Kita-Investitionszuschüsse mit 18,09 Millionen Euro und den Neubau der Anne-Frank-Realschule plus mit gut 15 Millionen Euro. Weitere 5,28 Millionen Euro betreffen Kreisstraßen, 4,94 Millionen Euro das zentrale Gebäudemanagement und 4,59 Millionen Euro die BBS Westerburg. Die Details stehen in der Übersicht der übertragenen Haushaltsmittel.
Diese Übertragungen sind nicht automatisch Kürzungen. Häufig warten Träger auf Förderbescheide, Firmen auf Planungen oder Verwaltungen auf Abrechnungen. Politisch bleibt dennoch eine unbequeme Frage: Warum beschließt der Kreis jedes Jahr neue Millionenansätze, während alte Ermächtigungen in zweistelliger Millionenhöhe weitergeschoben werden?
Auch beim größten Ansatz droht eine zeitliche Verschiebung. Für den Breitbandausbau stehen 14 Millionen Euro im Plan. Mitte Juli 2026 berichtete der Kreis jedoch erst vom Beginn der Informations- und Vorbereitungsphase; einzelne Adressen für den endgültigen Förderbescheid waren noch zu klären. Ausbauunternehmen hat der Kreis bereits beauftragt. Trotzdem bleibt offen, welcher Anteil 2026 tatsächlich kassenwirksam wird. Der aktuelle Stand findet sich auf der Projektseite zum geförderten Glasfaserausbau.
Großprojekte laufen – kleinere Spielräume schrumpfen
Laufende Vorhaben will der Kreis fortsetzen. Dazu gehört der Neubau der Anne-Frank-Realschule plus in Montabaur. Im Februar feierte das Projekt Richtfest, im Sommer liefen Dach- und Fensterarbeiten. Der Kreis rechnet inzwischen mit einer Fertigstellung Mitte 2027 und Gesamtkosten von rund 29 Millionen Euro. Wer einen solchen Bau stoppt, spart nicht automatisch. Vertragsfolgen, Stillstandskosten und spätere Preissteigerungen könnten die Rechnung sogar erhöhen. Den Baufortschritt dokumentiert der Kreis in seiner Mitteilung zum Richtfest.
Ähnlich geschützt erscheinen bereits zugesagte Kita-Zuschüsse, Maßnahmen nach Brand- oder Wasserschäden, Fluchtwege, Brandschutz und Katastrophenschutz. Das Sirenenprogramm läuft weiter. Die große Photovoltaikanlage am Kreishaus ging im Juni bereits in Betrieb.
Unter Druck geraten damit eher spätere Bauabschnitte, noch nicht beauftragte Planungen, einzelne Straßenprojekte ohne gesicherte Förderung und freiwillige Zuschüsse. Welche Maßnahme im Ernstfall zuerst fällt, entscheidet dann möglicherweise nicht der Kreistag in öffentlicher Sitzung, sondern der Haushaltsvollzug über verzögerte Ausschreibungen, gesperrte Mittel oder nicht erteilte Aufträge.
Das wäre rechtlich nicht automatisch zu beanstanden. Politisch wäre es trotzdem erklärungsbedürftig. Wer 44 Millionen Euro Investitionen ankündigt, muss auch offenlegen, welche davon fest gebunden, nur geplant oder praktisch kaum noch 2026 umsetzbar sind.
Kreisumlage: Das Defizit verschwindet nicht, es wandert
Der Westerwaldkreis hält den Umlagesatz bei 43 Prozent. Wegen sinkender Umlagegrundlagen nimmt er trotzdem nur rund 148,95 Millionen Euro ein – gut sieben Millionen Euro weniger als im Vorjahr. Besonders die kommunale Steuerkraft schwächelt. Die Steuerkraftmesszahlen sinken gegenüber 2025 um rund 15,8 Millionen Euro.
Ein Prozentpunkt Kreisumlage bringt etwa 3,46 Millionen Euro. Für einen rechnerischen Ausgleich des Ergebnishaushalts müsste der Satz laut Haushaltsplan auf ungefähr 45,06 Prozent steigen. Diese gut zwei zusätzlichen Punkte würden den Städten und Gemeinden ziemlich genau jene sieben Millionen Euro abnehmen, die dem Kreis fehlen.
Damit landet die Politik in einer Zwickmühle. Bleibt die Umlage bei 43 Prozent, verbraucht der Kreis Liquidität und baut Schulden auf. Steigt sie auf rund 45 Prozent, verlieren die Kommunen eigenen Handlungsspielraum. Anschließend geraten dort Investitionen, freiwillige Angebote, Gebühren und im schlimmsten Fall die kommunalen Steuern unter Druck.
Wie schnell eine Kreisumlage zur Rechnung für Städte, Gemeinden und Bürger werden kann, zeigt auch unser Beitrag „Kreishaushalt: Wer zahlt am Ende?“ zum Landkreis Limburg-Weilburg. Die Ausgangszahlen unterscheiden sich, der Mechanismus bleibt derselbe: Höhere Pflichtkosten verschwinden nicht. Sie wandern durch das kommunale System nach unten.
Der Kreistag des Westerwaldkreises beschloss den Haushalt mit 32 Ja-Stimmen, keiner Nein-Stimme und vier Enthaltungen. Einen haushaltsändernden oder haushaltsbegleitenden Antrag gab es laut Sitzungsprotokoll vom 12. Dezember 2025 nicht. Eine öffentliche Reihenfolge für mögliche spätere Kürzungen beschloss das Gremium ebenfalls nicht.
Das kann man Konsens nennen. Man kann es aber auch als vertagte Auseinandersetzung lesen. Alle Fraktionen kennen die Zahlen. Trotzdem musste niemand öffentlich festlegen, welches Projekt im Zweifel wichtiger ist als ein anderes.
Millionen beschlossen, Prioritäten nicht erklärt
Der Haushalt erhielt spätestens Anfang Februar die notwendige Genehmigung der Aufsichtsbehörde. Das teilte die Erste Kreisbeigeordnete am 9. Februar in einer öffentlichen Ausschusssitzung mit. Damit darf der Kreis handeln. Die Genehmigung beantwortet jedoch nicht die politische Kernfrage.
Welche Einzelmaßnahmen der Bauunterhaltung hat die Verwaltung bereits gestrichen? Welche der 44,13 Millionen Euro sind vertraglich gebunden? Wie viel vom Breitbandansatz kann 2026 realistisch abfließen? Welche Straßenprojekte besitzen Förderbescheide und Baureife? Und welche Liste greift, wenn im laufenden Jahr noch einmal drei oder fünf Millionen Euro fehlen?
Darauf liefern die öffentlich zugänglichen Unterlagen bislang keine vollständige Antwort. Fehlende Transparenz beweist kein Fehlverhalten. Sie verhindert aber eine sachliche Kontrolle der Prioritäten.
Der Kreis kann nicht jede Pflichtaufgabe wegkürzen. Ebenso wenig darf man jede Investition zum Luxus erklären. Schulen, Straßen, Kitas, digitale Netze und Katastrophenschutz sichern den Alltag und die Zukunft der Region. Gerade deshalb reicht es nicht, nur Millionenbeträge zu präsentieren.
Ein Haushalt ist eine politische Rangliste. Im Westerwaldkreis stehen die Summen fest. Die Reihenfolge für den Ernstfall bleibt im Ungefähren.
Welche verschobenen Sanierungen, Ausstattungen oder kommunalen Projekte betreffen Ihren Ort? Haben Sie Hinweise auf Maßnahmen, die angekündigt, finanziert und trotzdem nicht umgesetzt wurden? Schreiben Sie uns. Wir prüfen nachvollziehbare Angaben und behandeln vertrauliche Hinweise entsprechend geschützt.
Quellen
- Westerwaldkreis: Haushaltssatzung und Haushaltsplan 2026
- Kreistag Westerwaldkreis: Niederschrift und Abstimmung vom 12. Dezember 2025
- Westerwaldkreis: Anlagen und Präsentation zum Kreishaushalt 2026
- Kreisausschuss: Vorlage zur Übertragung von Haushaltsermächtigungen
- Kreisausschuss: Übersicht der übertragenen investiven Mittel
- Schul- und Schulträgerausschuss: Niederschrift vom 2. März 2026
- Westerwaldkreis: Projektstände zu Anne-Frank-Realschule, Breitbandausbau, Schulbaumaßnahmen, Sirenenprogramm und KIPKI-Photovoltaikanlage
- 2halb3: Kreishaushalt Limburg-Weilburg – Wer zahlt am Ende?
- Eigene Recherche: Auswertung der Haushaltsansätze, Investitionsübersichten, Mittelübertragungen, Sitzungsniederschriften und veröffentlichten Projektstände bis 13. August 2026

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