Sinkende Quellerträge, steigender Fremdwasserbedarf und 80,9 Millionen Liter Brauerei-Verbrauch: Die vollständige Wasserbilanz bleibt offen.
Hachenburg | Das Wasserproblem beginnt unter der Erde
Noch kommt in Hachenburg Wasser aus dem Hahn, wenn man ihn aufdreht. Doch hinter dieser Selbstverständlichkeit wird inzwischen mit Millionenaufwand eine neue Versorgungsstruktur aufgebaut. Leitungen werden geplant, Hochbehälter neu gebaut und Wasser soll künftig in deutlich größerem Umfang über die Grenzen der Verbandsgemeinde hinweg nach Hachenburg gelangen.
Der Grund dafür findet sich nicht erst in einer einzelnen Ausschreibung. Er reicht Jahre zurück.
Nach Darstellung der Verbandsgemeinde liefern die eigenen Quellen und Tiefbrunnen insbesondere seit den Trockenjahren 2017 und 2018 deutlich weniger Wasser als früher. Während warmer Sommermonate fallen einzelne Quellen zeitweise vollständig aus, auch Tiefbrunnen verlieren an Leistung. Selbst das niederschlagsreichere Jahr 2024 habe die Situation nicht grundsätzlich entspannt. Hinzu kommen Starkregenereignisse, bei denen Wasserfassungen durch Trübungen zeitweise für die Aufbereitung ausfallen können.
VG Hachenburg: Zukunft der Wasserversorgung
Hachenburg reagiert darauf mit einer Strategie, die die Wasserversorgung zunehmend überregional vernetzt. Vom Zweckverband Wasserversorgung Kreis Altenkirchen sollen perspektivisch mehr als 310.000 Kubikmeter Trinkwasser jährlich kommen. Im Südosten entsteht zusätzlich der neue Verbund mit Westerburg. Zwischen den geplanten Hochbehältern Langenhahn und Lochum soll dafür eine rund 7,4 Kilometer lange Leitung gebaut werden. Westerburg soll darüber täglich 400 bis maximal 800 Kubikmeter Trinkwasser in das Hachenburger Netz liefern.
Damit rückt allerdings eine Frage in den Mittelpunkt, die in der öffentlichen Darstellung des Großprojekts bislang kaum vorkommt: Wenn das lokal verfügbare Wasser knapper wird – wer entnimmt im Raum Hachenburg eigentlich wie viel davon?
An dieser Stelle kommt zwangsläufig die Westerwald-Brauerei ins Spiel.
Nicht als nachgewiesener Verursacher. Für die Behauptung, die Brauerei sei für die Hachenburger Versorgungsprobleme verantwortlich, gibt es nach den bisher öffentlich zugänglichen Unterlagen keinen belastbaren Beleg. Eine solche Schlussfolgerung wäre voreilig.
Die Größenordnung ihrer Wassernutzung ist allerdings zu groß, um sie bei einer Diskussion über die regionale Wasserbilanz einfach auszublenden.
Mehr als 80 Millionen Liter in einem Jahr
Die Westerwald-Brauerei versorgt sich nach eigener Darstellung zu wesentlichen Teilen über eigene Wassergewinnung. Im aktuellen Gemeinwohlbericht beschreibt das Unternehmen einen Tiefbrunnen auf dem Betriebsgelände. Dieses Wasser wird nach Angaben der Brauerei unter anderem für Sanitäranlagen und Reinigungsprozesse aufbereitet. Zusätzlich besitzt das Unternehmen eine eigene Quelle, aus der das eigentliche Brauwasser unbehandelt entnommen werden kann.
Westerwald-Brauerei: Gemeinwohlbericht 2024
Interessant wird es bei der Entwicklung des Gesamtverbrauchs. Für das Jahr 2021 weist ein früherer Gemeinwohlbericht 60.311 Kubikmeter Wasser aus. Drei Jahre später sind es 80.887 Kubikmeter. Das sind 20.576 Kubikmeter mehr – ein Anstieg von gut 34 Prozent.
80.887 Kubikmeter entsprechen knapp 80,9 Millionen Litern Wasser in einem Jahr. Rein rechnerisch sind das im Jahresmittel etwa 222 Kubikmeter pro Tag.
Erst der Vergleich mit dem neuen Wasserverbund zeigt, welche Größenordnung dahintersteht. Westerburg soll im Regelbetrieb 400 Kubikmeter täglich nach Hachenburg liefern. Der durchschnittliche rechnerische Tagesverbrauch der Brauerei entspricht damit mehr als der Hälfte dieser regulären Liefermenge.
Das klingt zunächst spektakulär. Es darf aber nicht falsch interpretiert werden.
Die 80.887 Kubikmeter sind kein Beleg dafür, dass diese Wassermenge ansonsten der öffentlichen Trinkwasserversorgung zur Verfügung stünde. Ebenso wenig kann man daraus ableiten, Hachenburg würde den Westerburger Verbund wegen der Brauerei benötigen. Dafür müsste zunächst feststehen, aus welchen konkreten unterirdischen Wasservorkommen die verschiedenen Fassungen gespeist werden und wie stark sie miteinander verbunden sind.
Genau das ist bislang öffentlich nicht nachvollziehbar.
Gehlert verbindet die beiden Geschichten
Die Recherche bekommt ihre eigentliche Bedeutung durch die Geografie.
Auf der Internetseite der Verbandsgemeinde wird Gehlert ausdrücklich als wasserreiche Gemarkung beschrieben. Dort heißt es, Wassergewinnungsanlagen in den Wäldern der Gemeinde versorgten nicht nur die örtliche Bevölkerung, sondern auch die Stadt Hachenburg sowie die Westerwald-Brauerei.
VG Hachenburg: Informationen zur Ortsgemeinde Gehlert
Damit liegen öffentliche und gewerbliche Wassergewinnung zumindest räumlich in einem eng miteinander verbundenen Gebiet. Das allein beweist jedoch noch keine Konkurrenz um dasselbe Wasser.
Gerade im Westerwald ist diese Unterscheidung wichtig. Grundwasser bewegt sich nicht wie der Inhalt eines großen unterirdischen Schwimmbeckens, aus dem jeder Brunnen gleichermaßen schöpft. Geologische Schichten, Klüfte und Störungen können dazu führen, dass nahe beieinanderliegende Fassungen hydraulisch verbunden sind – oder eben nicht.
Um festzustellen, ob die Wasserentnahme an einer Stelle die Ergiebigkeit einer anderen tatsächlich beeinflusst, braucht es hydrogeologische Daten. Dazu gehören die Einzugsbereiche der Quellen, Grundwasserstände, Quellschüttungen, Bohrprofile und gegebenenfalls Pump- oder Tracerversuche.
Solange diese Daten nicht gemeinsam betrachtet werden, bleibt die entscheidende Verbindung offen.
Und genau deshalb ist die Frage nach der Brauerei journalistisch relevant, ohne dass daraus bereits eine Schuldzuweisung entstehen darf.
Als Bürger zum Sparen aufgerufen wurden
Wie empfindlich das Hachenburger System inzwischen reagieren kann, zeigte der Sommer 2025.
Am 8. Juli stellte die Verbandsgemeinde ihre Wasserampel auf Gelb. Nach Angaben der Werke lag die Trinkwasserabnahme deutlich über dem Durchschnitt, während gleichzeitig die Wassergewinnung aus Quellen und Brunnen zurückging. Die Situation sei angespannt. Verbote verhängte die Verwaltung zwar nicht, sie appellierte aber ausdrücklich an die Bevölkerung, ihren Verbrauch zu reduzieren.
Autos sollten möglichst nicht gewaschen, Pools und Planschbecken nicht neu gefüllt und Rasenflächen nicht bewässert werden. Trinkwasser sollte nach Möglichkeit nur für den notwendigen täglichen Bedarf verwendet werden.
VG Hachenburg: Wasserampel auf Gelb vom 8. Juli 2025
Keine drei Wochen später veröffentlichte die Verbandsgemeinde einen Bericht über einen Besuch der damaligen rheinland-pfälzischen Klimaschutzministerin Katrin Eder bei der Westerwald-Brauerei. Im Mittelpunkt stand eine neue Anlage zur Rückgewinnung von Kohlendioxid. In diesem Zusammenhang beschrieb die VG auch das dort produzierte „Wäller Wasser“.
Das dafür verwendete Wasser stammt dem Bericht zufolge aus einer Quelle im nahe gelegenen Naturschutzgebiet Rotbachtal, lediglich rund 1,5 Kilometer von der Brauerei entfernt. Es wird anschließend mit zurückgewonnener Kohlensäure versetzt und abgefüllt.
VG Hachenburg: Besuch bei der Westerwald-Brauerei
Auch dieser zeitliche Gegensatz beweist keine Beeinträchtigung der öffentlichen Versorgung. Ein Bürger, der aufgefordert wird, seinen Pool nicht neu zu füllen, bezieht sein Wasser aus dem öffentlichen Trinkwassernetz. Eine Brauerei mit eigener wasserrechtlich zugelassener Gewinnung nutzt eine andere Rechts- und Versorgungsgrundlage.
Trotzdem entsteht daraus eine nachvollziehbare öffentliche Frage: Wenn klimatische Veränderungen die regionalen Wasservorräte zunehmend unter Druck setzen, nach welchen Kriterien werden dann kommunale Versorgung und größere gewerbliche Eigenentnahmen gemeinsam bewertet?
Genau hier fehlt bislang Transparenz.
Währenddessen wird für Millionen neu gebaut
Dass Hachenburg nicht von einem kurzfristigen Sommerproblem ausgeht, zeigen die Investitionssummen.
Eine Beschlussvorlage der Verbandsgemeindewerke vom 19. Mai 2026 beschreibt den Trinkwasserverbund mit Westerburg als Teilprojekt der „Zukunftsstrategie Wasserversorgung 2030“. Allein der erste Abschnitt umfasst den Neubau des Hochbehälters Lochum mit einem Fassungsvermögen von 1.500 Kubikmetern, die rund 7,4 Kilometer lange Verbindung nach Langenhahn, weitere Versorgungsleitungen sowie den Anschluss des Tiefbrunnens Lochum. Dafür nennt die Vorlage eine voraussichtliche Auftragssumme von rund 5,955 Millionen Euro netto.
Im zweiten Abschnitt sollen unter anderem Leitungen Richtung Alpenrod und Gehlert, zum Hochbehälter Steinebach und weiter nach Hachenburg gebaut sowie der Tiefbrunnen und die Quelle Alpenrod angebunden werden. Dafür werden weitere rund 3,65 Millionen Euro netto veranschlagt. Für den späteren Rückbau alter Hochbehälter kommen nach der Vorlage etwa 120.000 Euro hinzu.
Verbandsgemeindewerke: Beschlussvorlage zum Trinkwasserverbund
Damit summieren sich die dort genannten Hachenburger Projektansätze auf rund 9,725 Millionen Euro netto.
Diese Summe darf nicht mit dem Preis der aktuell ausgeschriebenen Bauleistungen gleichgesetzt werden. Das Vergabeverfahren umfasst einzelne Bestandteile des Gesamtprojekts; erst der spätere Zuschlag zeigt, wie hoch die tatsächlichen Angebotspreise ausfallen.
Die Dimension macht dennoch deutlich, wie grundsätzlich die Verbandsgemeinde ihre Wasserversorgung inzwischen umbaut.
Der neue Hochbehälter Lochum soll künftig nicht allein aus dem Westerburger Verbund gespeist werden. Nach den Planungsunterlagen sollen dort sowohl Wasser aus Hachenburgs eigenen Gewinnungsanlagen als auch Wasser aus Westerburg zusammengeführt werden. Die Verbindung schafft damit einen zusätzlichen Versorgungsweg, ersetzt die lokale Wassergewinnung aber nicht.
Eine Wasserleitung löst die Bilanzfrage nicht
Die Verbandsgemeinden präsentieren den neuen Verbund ausdrücklich als Instrument für mehr Versorgungssicherheit. Künftig sollen zwischen 400 und 800 Kubikmeter täglich von Westerburg nach Hachenburg fließen. Im Notfall soll die Verbindung auch in die Gegenrichtung genutzt werden können. Nach Angaben der Verwaltungen wurden die unterschiedlichen Wasserressourcen zuvor untersucht; Labortests hätten ergeben, dass sich die Wässer problemlos mischen lassen.
VG Hachenburg: „Hand in Hand für das Trinkwasser“
Damit bekommt Hachenburg zweifellos eine zusätzliche Absicherung. Die neue Leitung beantwortet aber nicht die Frage, wie sich die lokal verfügbaren Wasserressourcen langfristig entwickeln und wie sämtliche größeren Entnahmen in dieser Bilanz berücksichtigt werden.
Gerade diese Frage wird wichtiger, weil die Probleme nicht mehr theoretisch sind. Hachenburg dokumentiert selbst sinkende Quellschüttungen und schwächere Tiefbrunnen. Die Bevölkerung wurde bereits zum Wassersparen aufgefordert. Gleichzeitig steigen die Investitionen in Fremdwasserbezug und Verbundsysteme auf Millionenbeträge.
Und parallel nutzt ein bedeutender regionaler Gewerbebetrieb eigene Wassergewinnungsanlagen und weist einen Jahreswasserverbrauch von mehr als 80.000 Kubikmetern aus.
Das ergibt noch keinen Skandal.
Aber es ergibt einen Rechercheauftrag.
Nicht die Frage nach Schuld – sondern nach der vollständigen Bilanz
Wer aus den bisherigen Erkenntnissen ableitet, die Westerwald-Brauerei verursache die Hachenburger Wasserprobleme, geht weiter als die Belege tragen.
Bislang ist weder nachgewiesen, dass die Brauereiquelle und die für die öffentliche Versorgung entscheidenden Fassungen auf dasselbe hydraulisch verbundene Wasservorkommen zugreifen, noch lässt sich beziffern, welchen Einfluss eine Änderung der gewerblichen Entnahme auf kommunale Quellen oder Brunnen hätte.
Umgekehrt wäre es jedoch ebenso falsch, die Wassernutzung eines großen Eigenversorgers bei einer Diskussion über knapper werdende regionale Wasserressourcen grundsätzlich auszuklammern.
Entscheidend sind deshalb die wasserrechtlichen Erlaubnisse der Brauerei, die maximal zulässigen Entnahmemengen und vor allem die tatsächlich entnommenen Mengen der vergangenen Jahre – getrennt nach Quelle und Tiefbrunnen. Hinzukommen müssten die langfristigen Messreihen der kommunalen Quellen und Brunnen sowie die hydrogeologische Bewertung ihrer Einzugsgebiete.
Bei der öffentlichen Wasserversorgung wird dieses System gerade neu geordnet. Für das Wasserschutzgebiet „Hachenburg-Süd“ beantragten die Verbandsgemeindewerke Ende 2024 eine neue wasserrechtliche Erlaubnis für insgesamt 20 bestehende Gewinnungsanlagen. Der Bescheid wurde im Juli 2025 erteilt. Für zwei größere Tiefbrunnen war zusätzlich eine UVP-Vorprüfung erforderlich. Die Behörde kam zu dem Ergebnis, dass erhebliche nachteilige Umweltauswirkungen nicht zu erwarten seien und deshalb keine vollständige Umweltverträglichkeitsprüfung erforderlich war.
UVP-Verbund: Wasserrecht Hachenburg-Süd
Aus den öffentlich verfügbaren Unterlagen geht jedoch nicht hervor, welche privaten oder gewerblichen Entnahmen in einer übergeordneten hydrogeologischen Gesamtbetrachtung konkret berücksichtigt wurden.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass sie unberücksichtigt blieben.
Es bedeutet, dass die Öffentlichkeit es anhand der bisher zugänglichen Unterlagen nicht nachvollziehen kann.
Genau dort liegt der eigentliche Konflikt.
Hachenburg investiert Millionen, um künftig mehr Wasser von außerhalb beziehen zu können. Die Verwaltung beschreibt die eigenen Gewinnungsanlagen als zunehmend anfällig. Gleichzeitig existieren im selben regionalen Raum erhebliche gewerbliche Wasserentnahmen.
Deshalb lautet die entscheidende Frage nicht, ob die Brauerei „zu viel“ Wasser verbraucht.
Sie lautet:
Wie viel Wasser steht dem Raum Hachenburg unter den heutigen klimatischen Bedingungen tatsächlich nachhaltig zur Verfügung – und wie verteilt sich diese Ressource zwischen öffentlicher Versorgung und privaten beziehungsweise gewerblichen Wasserrechten?
Solange diese Gesamtbilanz nicht transparent auf dem Tisch liegt, bleibt eine der wichtigsten Fragen des Millionenprojekts unbeantwortet.
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Quellen
- Verbandsgemeinde Hachenburg: „Verbandsgemeinde Hachenburg stellt Weichen für künftige Wasserversorgung“, 5. Februar 2025. Quelle öffnen
- Verbandsgemeinde Hachenburg: „Wasserampel auf Gelb“, 8. Juli 2025. Quelle öffnen
- Verbandsgemeinde Hachenburg: „Klimaschutz mit Geschmack“, Juli 2025. Quelle öffnen
- Verbandsgemeinde Hachenburg: Informationen zur Ortsgemeinde Gehlert. Quelle öffnen
- Verbandsgemeinde Hachenburg: „Hand in Hand für das Trinkwasser“, August 2026. Quelle öffnen
- Verbandsgemeindewerke Hachenburg: Drucksache 035/2026/VG, „Zukunftsstrategie Wasserversorgung 2030“, Teilprojekt 3. PDF öffnen
- Westerwald-Brauerei H. Schneider GmbH & Co. KG: Gemeinwohlbericht 2024. PDF öffnen
- Westerwald-Brauerei: Gemeinwohlbericht 2020/2021. Quelle öffnen
- SGD Nord / UVP-Verbund: Wasserrechtliche Erlaubnis für 20 Gewinnungsanlagen im Wasserschutzgebiet „Hachenburg-Süd“. Verfahren öffnen

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