Symbolbild eines Bahnmitarbeiters am Bahnsteig vor einem Regionalzug. Im Bild steht: „Lahnstrecke – Angriffe auf Bahnpersonal – Was belegt ist und was nicht“.

Bundesweit werden mehr Gewaltdelikte gegen DB-Beschäftigte registriert. Auch Hessen und Rheinland-Pfalz melden deutliche Zuwächse. Für die Lahnstrecke selbst fehlt jedoch eine belastbare Bilanz – und ein Gerichtsfall bei Nassau ersetzt keine Statistik.

Angriffe im Zug: Wie sicher ist die Lahnstrecke für Bahnpersonal?

Ein Gerichtsverfahren am Amtsgericht Diez rückt die Sicherheit von Bahnbeschäftigten auf der Lahnstrecke in den Fokus. Ein Ehepaar soll 2025 im Raum Nassau einen Bahnmitarbeiter bedrängt und angegriffen haben. Beide erhielten nach öffentlich zugänglicher Gerichtsberichterstattung Geld- beziehungsweise Bewährungsstrafen.

Der Fall ist ernst. Als Beleg für eine regionale Entwicklung taugt er trotzdem nicht. Ein Prozess zeigt, was in einem konkreten Zug geschehen sein soll. Er verrät nicht, wie häufig Bahnpersonal zwischen Koblenz, Bad Ems, Nassau, Diez, Limburg, Weilburg und Wetzlar bedroht, bespuckt oder körperlich angegriffen wird.

Genau dort beginnt die eigentliche Geschichte: Die überregionalen Zahlen sind alarmierend. Die regionale Wirklichkeit bleibt statistisch unscharf.

Bundesweit steigen die registrierten Fälle

Die Bundespolizei erfasste 2025 insgesamt 2.689 Gewaltdelikte zum Nachteil von Beschäftigten der Deutschen Bahn. Ein Jahr zuvor waren es 2.412 Fälle. Das entspricht einem Anstieg um rund 11,5 Prozent.

Auch die Zahl der erfassten Geschädigten wuchs: von 2.662 im Jahr 2024 auf 3.023 im Jahr 2025. Gegenüber 2019 stieg die Zahl der registrierten Gewaltdelikte um knapp 64 Prozent. Die Daten stammen aus der Polizeilichen Eingangsstatistik der Bundespolizei und wurden in einer Antwort der Bundesregierung vom 9. April 2026 veröffentlicht.

Besonders häufig registrierte die Bundespolizei 2025 einfache Körperverletzungen und Bedrohungen. Von den 2.689 Gewaltdelikten entfielen 1.163 auf einfache Körperverletzung nach Paragraf 223 Strafgesetzbuch, 979 auf Bedrohung nach Paragraf 241 und 258 auf gefährliche Körperverletzung nach Paragraf 224.

In fahrenden oder abfahrbereiten Zügen zählte die Statistik 1.208 Delikte. Davon ordnete die Bundespolizei 593 dem Regionalverkehr, 352 dem Nahverkehr und 245 dem Fern- und Hochgeschwindigkeitsverkehr zu. Der Regionalverkehr bildet damit die größte Gruppe. Eine einzelne Linie lässt sich aus diesen Zahlen jedoch nicht herauslesen.

Hessen und Rheinland-Pfalz legen deutlich zu

Für Rheinland-Pfalz weist die Statistik 112 Gewaltdelikte gegen DB-Beschäftigte im Jahr 2025 aus. Im Vorjahr waren es 66. Der Anstieg beträgt knapp 70 Prozent.

Hessen verzeichnete 215 Delikte, nach 185 Fällen im Jahr 2024. Das entspricht einem Plus von rund 16 Prozent. Diese Entwicklung ist deutlich. Sie umfasst allerdings alle Bahnhöfe und Bahnstrecken des jeweiligen Bundeslandes – vom Frankfurter Hauptbahnhof bis in den Westerwald, von Mainz bis zur Pfalz.

Wer daraus einen eigenen Gewalttrend für die Lahnstrecke ableitet, macht aus einer groben Landkarte eine punktgenaue Ortsangabe. Das wäre journalistisch bequem, aber sachlich falsch.

Die Lahnstrecke verschwindet in der Statistik

Öffentlich zugängliche Zeitreihen für die Linien und Bahnhöfe entlang der Lahnstrecke liegen nicht vor. Die bekannten Tabellen nennen Bundesländer und teilweise Zugarten, aber weder konkrete Linien noch Streckenabschnitte.

Damit bleiben zentrale Fragen öffentlich unbeantwortet: Wie viele Vorfälle gab es in den vergangenen Jahren zwischen Koblenz und Wetzlar? Wo lagen mögliche Schwerpunkte? Betrafen die Taten Zugbegleiter, Triebfahrzeugführer, Sicherheitskräfte oder Bahnhofspersonal? Wie viele Beschäftigte erlitten Verletzungen oder fielen anschließend bei der Arbeit aus?

Die Bundesregierung räumt selbst ein, dass die Polizeistatistik keine Auswertung nach Berufsgruppen ermöglicht. Auch zu Arbeitsunfähigkeit, Berufsunfähigkeit und strafrechtlicher Ahndung liegen ihr nach eigener Aussage keine entsprechenden Erkenntnisse vor.

Noch größer wird die Lücke durch die Auswahl der erfassten Arbeitgeber. Die zentrale Statistik bezieht sich ausdrücklich auf Beschäftigte der Deutschen Bahn. Auf dem hessischen Abschnitt der Lahnstrecke betreibt die Hessische Landesbahn unter anderem die Linie RB 45 zwischen Limburg und Gießen. Deren Beschäftigte erscheinen in den genannten DB-Tabellen nicht automatisch.

Eine Statistik, die nicht alle Betreiber und Berufsgruppen umfasst, kann die Sicherheitslage auf einer gemischt betriebenen Regionalstrecke nur eingeschränkt abbilden.

Zwei Zählsysteme, zwei Bilder

Selbst bundesweit liefern Bundespolizei und Deutsche Bahn kein vollkommen einheitliches Bild. Die DB erfasste über ihr internes System 3.144 körperliche Übergriffe im Jahr 2023, 3.324 im Jahr 2024 und 3.262 im Jahr 2025. Danach sank die Zahl zuletzt leicht um knapp zwei Prozent.

Die Bundespolizei registrierte im selben Zeitraum einen Anstieg der Gewaltdelikte. Das wirkt widersprüchlich, lässt sich aber durch die unterschiedlichen Zählweisen erklären. Die Bahn dokumentiert intern versuchte und vollendete körperliche Übergriffe. Die Polizei zählt angezeigte Straftaten nach rechtlichen Deliktsgruppen. Dazu gehören auch Bedrohungen, die keinen körperlichen Angriff voraussetzen.

Hinzu kommt: Das digitale Meldesystem der DB wird laut Bundesregierung erst seit 2023 schrittweise eingeführt und soll seine erste Ausbauphase Ende 2026 abschließen. Wer beide Zahlenreihen vermischt, produziert keine genauere Wahrheit, sondern statistischen Nebel.

Auch bei der allgemeinen Sicherheitslage ist Vorsicht nötig. In Rheinland-Pfalz stieg die Zahl aller von der Bundespolizei erfassten Gewaltdelikte in Zügen und an Bahnhöfen von 958 im Jahr 2024 auf 1.070 im Jahr 2025. Diese Werte umfassen sämtliche Opfergruppen und Tatorte. Sie dürfen nicht als Angriffe auf Bahnpersonal ausgegeben werden. Das zeigt eine weitere Antwort der Bundesregierung vom 24. Februar 2026.

Schutzmaßnahmen sind da – ihr regionaler Einsatz bleibt offen

Die Deutsche Bahn setzt nach eigenen Angaben auf Deeskalationstrainings und freiwillige Bodycams. Rund 1.400 von etwa 5.500 Kundenbetreuern im Nahverkehr nutzten zum Zeitpunkt der Bundestagsantwort eine Bodycam. Das entspricht etwa 26 Prozent. Bei DB Sicherheit trugen rund 173 Beschäftigte die Kameras anlassbezogen oder dauerhaft.

Wie viele dieser Geräte auf der Lahnstrecke eingesetzt werden, lässt sich den öffentlichen Unterlagen nicht entnehmen. Gleiches gilt für Doppelbesetzungen, Sicherheitsbegleitung oder besonders geschützte Dienste auf einzelnen Fahrten.

Schutzkonzepte auf dem Papier sind wichtig. Für Beschäftigte zählt jedoch, ob Hilfe im entscheidenden Moment tatsächlich an Bord oder schnell erreichbar ist. Ohne regionale Angaben lässt sich weder die Wirksamkeit bewerten noch erkennen, ob Personal und Technik dort ankommen, wo Konflikte auftreten.

Die Lahnstrecke steht ohnehin unter Druck. 2halb3 hat bereits die strukturellen Probleme an Rhein und Lahn untersucht. Ausfälle, Baustellen und knappe Personaldecken sind ein anderes Thema als Gewalt. Für Beschäftigte und Reisende treffen diese Belastungen im Alltag jedoch im selben System aufeinander.

Ein Fall ist ein Warnsignal – aber noch kein Trend

Der Prozess in Diez darf nicht kleingeredet werden. Wer Bahnbeschäftigte wegen einer Kontrolle oder eines Streits bedrängt oder angreift, überschreitet eine klare Grenze. Zugleich darf ein einzelnes Verfahren nicht als Beweis für eine angebliche Gewaltwelle auf der Lahnstrecke dienen.

Belastbar ist derzeit nur diese Einordnung: Bundesweit sowie in Hessen und Rheinland-Pfalz werden mehr Gewaltdelikte gegen DB-Beschäftigte registriert. Ob sich diese Entwicklung auch auf der Lahnstrecke zeigt, bleibt offen. Dafür fehlen öffentlich nachvollziehbare, streckengenaue und betreiberübergreifende Zahlen.

Das ist keine nebensächliche Datenpanne. Wer ein Problem benennen, Schutzmaßnahmen beurteilen und Risiken realistisch einordnen will, braucht mehr als Schlagzeilen und Landeswerte. Er braucht eine Statistik, die den Arbeitsalltag vor Ort überhaupt erfasst.

Haben Sie Übergriffe erlebt oder beobachtet?

Arbeiten Sie als Zugbegleiter, Triebfahrzeugführer, Sicherheitskraft oder in einem anderen Bahnberuf auf der Lahnstrecke? Haben Sie Bedrohungen, Beleidigungen, Spuckattacken oder körperliche Übergriffe erlebt oder beobachtet? Auch regelmäßige Fahrgäste und Augenzeugen können sich an unsere Redaktion wenden.

Schreiben Sie uns. Auf Wunsch behandeln wir Ihre Angaben vertraulich. Hinweise gelten zunächst als Rechercheansätze und werden vor einer möglichen Veröffentlichung geprüft.

Unsere Redaktion bleibt partei-neutral, frei und unabhängig. Für uns zählen Fakten.

Quellen

No responses yet

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert