1&1 will bei Versatel rund ein Viertel der Vollzeitstellen abbauen. Gleichzeitig hängt ein Teil des erst 2025 vereinbarten Kaufpreises vom Versatel-EBITDA der Jahre 2027 bis 2029 ab. Ab 2028 soll das neue Programm jährlich rund 25 Millionen Euro zum Ergebnis beitragen. Ob und wie diese Effekte in die Kaufpreisanpassung einfließen, geht aus den öffentlich zugänglichen Unterlagen nicht hervor.
1&1 baut Versatel um – warum die Kaufpreisklausel jetzt Fragen aufwirft
Montabaur/Düsseldorf. Gut neun Monate nach der konzerninternen Übernahme von 1&1 Versatel folgt der nächste tiefgreifende Schritt: Rund 350 Vollzeitstellen sollen bei der Geschäftskundentochter wegfallen. Die Zielorganisation sieht nur noch etwa 1.000 statt derzeit rund 1.350 Vollzeitkräfte vor. Gleichzeitig sollen Führungsstrukturen vereinfacht, Hierarchieebenen reduziert sowie Organisation, Prozesse und IT-Strukturen umgebaut werden.
Beschlossen hat das Programm am 10. September der Vorstand der 1&1 AG mit Zustimmung des Aufsichtsrats – also auf Konzernebene in Montabaur. Die Tochter, bei der die Stellen wegfallen sollen, hat ihre Unternehmenszentrale allerdings nicht im Westerwald, sondern in Düsseldorf. Welche Standorte, Bereiche und Beschäftigtengruppen konkret betroffen sind, hat 1&1 bislang nicht veröffentlicht.
Damit muss auch die regionale Wirkung sauber getrennt werden: Dass 350 Stellen bei einem Unternehmen des Montabaurer 1&1-Konzerns wegfallen sollen, ist bestätigt. Dass deshalb 350 oder auch nur eine bestimmte Zahl von Arbeitsplätzen in Montabaur verloren geht, ist dagegen bislang nicht belegt.
60 Millionen Euro Kosten für den Umbau
1&1 erwartet bereits 2026 rund 60 Millionen Euro einmalige Aufwendungen. Nach Angaben des Unternehmens entstehen sie insbesondere durch geplante Personalmaßnahmen und weitere Projektkosten. Deshalb senkte 1&1 seine EBITDA-Prognose für 2026 von rund 800 auf rund 740 Millionen Euro. Bereinigt um die Restrukturierungskosten hält das Unternehmen an rund 800 Millionen Euro fest.
Ab 2028 soll der Umbau dann jährlich rund 25 Millionen Euro zum Ergebnis beitragen. Woher dieser Betrag genau kommt, schlüsselt 1&1 nicht auf. Offen bleibt deshalb, welcher Anteil durch geringere Personalkosten, abgebaute Führungsebenen, veränderte IT-Strukturen oder andere Effizienzmaßnahmen entstehen soll.
Auch ein konkreter Abschlusszeitpunkt des gesamten Programms fehlt in der Ad-hoc-Mitteilung von 1&1. Fest steht lediglich die Zielorganisation. Öffentlich verbreitete Zeitangaben zum Ablauf lassen sich aus der maßgeblichen Primärquelle deshalb nicht vollständig nachvollziehen.
Die Zahlen zeigen keinen einfachen Krisenfall
Bemerkenswert ist der Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung von Versatel vor dem Stellenabbau. Im Geschäftsjahr 2025 stieg der Umsatz des damaligen Segments „Business Access“, das im Wesentlichen durch 1&1 Versatel geprägt war, um 2,1 Prozent auf 586,7 Millionen Euro. Das EBITDA legte um 1,3 Prozent auf 167,2 Millionen Euro zu. Die EBITDA-Marge lag mit 28,5 Prozent nur geringfügig unter dem Vorjahr.
Gleichzeitig schrieb das Segment beim EBIT einen Verlust von 100,5 Millionen Euro. Der Geschäftsbericht führt dies wesentlich auf gestiegene Abschreibungen infolge hoher Investitionen in die Netzinfrastruktur zurück. In den neuen Geschäftsfeldern 5G und Gewerbegebietsausbau entstanden zudem Anlaufkosten. Der operative Befund ist deshalb differenzierter als ein schlichtes „Versatel schreibt Verluste“: Vor Abschreibungen erwirtschaftete das Segment einen erheblichen positiven Ergebnisbeitrag, während die kapitalintensiven Netzinvestitionen das EBIT belasteten.
Auch das erste Halbjahr 2026 liefert keinen Beleg für einen plötzlichen Einbruch. Das inzwischen neu gebildete Segment „Enterprises & Networks“, in dem Versatel gemeinsam mit dem 1&1-Mobilfunknetz ausgewiesen wird, verbesserte sein EBITDA von minus 50,3 Millionen Euro im vergleichbaren Vorjahreszeitraum auf minus 8,6 Millionen Euro. Daraus lässt sich allerdings kein isoliertes Versatel-Ergebnis ableiten.
1&1 begründet den Stellenabbau denn auch nicht mit einer akuten Existenzkrise, sondern mit höherer Produktivität, schlankeren Strukturen und der Finanzierung künftiger Investitionen.
Schon bei der Zahl der Beschäftigten beginnt die Unschärfe
Wer wissen will, wie viele Menschen tatsächlich betroffen sein könnten, stößt auf unterschiedliche Bezugsgrößen.
Im Lagebericht 2025 heißt es, 1&1 Versatel habe zum Jahresende 1.585 Mitarbeitende beschäftigt. Im Konzernanhang desselben Geschäftsberichts werden zum 31. Dezember dagegen 1.615 Mitarbeiter „nach Köpfen“ bei 1&1 Versatel genannt. Die aktuelle Ad-hoc-Mitteilung spricht wiederum von rund 1.350 Vollzeitkräften.
Diese Zahlen lassen sich nicht ohne Weiteres gegeneinander aufrechnen. Beschäftigtenköpfe und Vollzeitäquivalente sind unterschiedliche Größen; Teilzeitkräfte können den Abstand erklären. Warum aber selbst im Geschäftsbericht zwei unterschiedliche Kopfzahlen auftauchen und wie sich daraus die heutige FTE-Zahl von rund 1.350 zusammensetzt, wird öffentlich nicht erläutert.
Damit ist auch nicht belastbar bestimmbar, wie viele einzelne Menschen hinter dem geplanten Abbau von rund 350 Vollzeitstellen stehen werden.
Montabaur entscheidet – Versatel sitzt in Düsseldorf
Für die regionale Einordnung ist ein weiterer Punkt entscheidend. 1&1 Versatel bezeichnet Düsseldorf ausdrücklich als Firmensitz und Unternehmenszentrale. Als eigene Standorte nennt die Gesellschaft außerdem Flensburg, Kiel, Essen, Berlin, Dresden, Stuttgart und Frankfurt. Hinzu kommen bei Stellenangeboten weitere Einsatzorte und Homeoffice-Möglichkeiten. Montabaur gehört nicht zur veröffentlichten Versatel-Standortliste.
Montabaur ist dagegen Hauptsitz der 1&1 AG und der United Internet AG. Von dort aus wurde die Restrukturierung auf Ebene der 1&1 AG beschlossen. Das macht den Vorgang zu einem relevanten Thema für den Westerwald – aber nicht automatisch zu einem Stellenabbau am Montabaurer Standort.
Ob durch konzernweite Zentralfunktionen, Remote-Arbeit oder organisatorische Verlagerungen dennoch Beschäftigte mit Arbeitsort oder Tätigkeitsschwerpunkt Montabaur betroffen sind, geht aus den bislang veröffentlichten Unterlagen nicht hervor.
Erst Ende 2025 zahlte 1&1 1,3 Milliarden Euro
Der Stellenabbau erhält zusätzliche Bedeutung durch die kurze Zeitspanne seit der Übernahme. Am 30. November 2025 erwarb 1&1 die United Internet Management Holding und damit Versatel von der eigenen Mehrheitsaktionärin United Internet.
Der wirtschaftlich vereinbarte Kaufpreis betrug 1,3 Milliarden Euro. Die Finanzierung erfolgte je zur Hälfte durch die Verrechnung einer Cash-Management-Forderung von 650 Millionen Euro und durch ein von United Internet gewährtes Gesellschafterdarlehen über ebenfalls 650 Millionen Euro. Zudem übernahm 1&1 Versatel einschließlich einer Darlehensverbindlichkeit von rund 950 Millionen Euro gegenüber United Internet, für die 1&1 eine Garantie stellte.
Im Jahresabschluss taucht darüber hinaus ein Betrag von 246,1 Millionen Euro auf. Formal erhöhte er die bilanziellen Anschaffungskosten auf 1,5461 Milliarden Euro. Der Geschäftsbericht erläutert allerdings ausdrücklich, dass sich die damit verbundenen Zahlungen wirtschaftlich ausgleichen und daraus keine zusätzliche Belastung für 1&1 entsteht.
Die Transaktion fand innerhalb des United-Internet-Konzerns statt. Zum Jahresende 2025 hielt United Internet 86,46 Prozent der 1&1 AG. Im Geschäftsbericht wird United Internet beim Versatel-Erwerb ausdrücklich als nahestehende Person im Sinne des Aktienrechts bezeichnet. 1&1 hatte bei Abschluss des Geschäfts zugleich erklärt, die Konditionen hielten einem Drittvergleich stand; ein unabhängiger externer Experte habe die Angemessenheit bestätigt.
Die 300-Millionen-Klausel
Der eigentlich interessante Punkt steckt tiefer im Kaufvertrag.
Der Kaufpreis kann sich noch um bis zu 300 Millionen Euro erhöhen oder reduzieren. Entscheidend ist nach dem Geschäftsbericht die Entwicklung des EBITDA von Versatel in den Jahren 2027, 2028 und 2029 im Vergleich mit vertraglich festgelegten Zielwerten. Eine daraus resultierende Kaufpreisanpassung würde 2030 fällig und wäre bar zu zahlen.
Genau hier überschneiden sich die Zeitachsen.
Das jetzt beschlossene Restrukturierungsprogramm soll nach vollständiger Umsetzung ab 2028 jährlich rund 25 Millionen Euro zum Ergebnis beitragen. Die Kaufpreisklausel misst die Versatel-Entwicklung ausgerechnet in den Jahren 2027 bis 2029. Damit liegt mindestens der erwartete volle Effekt der Jahre 2028 und 2029 innerhalb des Bewertungszeitraums für die Kaufpreisanpassung.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass der Stellenabbau beschlossen wurde, um die Kaufpreisklausel zu beeinflussen. Dafür gibt es keinen Beleg.
Es entsteht aber eine sachlich relevante Frage: Wird der Ergebnisbeitrag aus dem Restrukturierungsprogramm bei dem für die Kaufpreisanpassung maßgeblichen Versatel-EBITDA berücksichtigt, bereinigt oder vertraglich herausgerechnet?
Der Geschäftsbericht veröffentlicht weder die EBITDA-Zielwerte noch die genaue Berechnungsformel. Ebenso wenig wird erläutert, wie Restrukturierungskosten, spätere Einsparungen, konzerninterne Leistungen oder außergewöhnliche Effekte bei der Ermittlung behandelt werden. Das lässt sich aus den öffentlich zugänglichen Unterlagen derzeit nicht belastbar beantworten.
Hinzu kommt eine weitere Feinheit: 1&1 bezeichnet die ab 2028 erwarteten 25 Millionen Euro lediglich als „Ergebnisbeitrag“. Ob dieser Betrag vollständig, teilweise oder überhaupt in das für den Kaufvertrag maßgebliche EBITDA eingeht, wird nicht erklärt.
Betriebsrat und Sozialplan: Vieles ist noch Verhandlungssache
1&1 kündigt an, die Anpassungen „sozialverträglich“ und gemeinsam mit Arbeitnehmervertretungen umzusetzen. Bereits bestehende Altersteilzeitvereinbarungen sollen genutzt werden. Zusätzlich sollen Gespräche über die Ausgestaltung eines Freiwilligenprogramms beginnen. Konkrete Konditionen sind nicht veröffentlicht.
Bei Betriebsänderungen, die wesentliche Nachteile für die Belegschaft oder erhebliche Teile davon haben können, sieht § 111 Betriebsverfassungsgesetz Informations- und Beratungsrechte des Betriebsrats vor. Ein Interessenausgleich kann regeln, wie eine Betriebsänderung umgesetzt wird; ein Sozialplan soll wirtschaftliche Nachteile der Beschäftigten ausgleichen oder abmildern. Ob und in welcher Form solche Vereinbarungen für das aktuelle Versatel-Programm bereits bestehen oder verhandelt werden, ist öffentlich nicht bekannt.
Sollten später an einzelnen Betrieben genügend arbeitgeberveranlasste Beendigungen innerhalb von 30 Tagen zusammenkommen, können zudem die Regeln zur Massenentlassungsanzeige nach § 17 Kündigungsschutzgesetz greifen. Dabei hängen die Schwellenwerte von der jeweiligen Betriebsgröße ab. Das Gesetz erfasst unter bestimmten Voraussetzungen auch andere vom Arbeitgeber veranlasste Beendigungen eines Arbeitsverhältnisses. Ob diese Voraussetzungen bei Versatel erreicht werden, lässt sich ohne Standort- und Umsetzungsdaten nicht beurteilen.
Auch die offene Standortfrage ist nicht nebensächlich
Die fehlende Verteilung der 350 Vollzeitstellen ist damit mehr als ein Detail. Sie entscheidet darüber, welche regionalen Arbeitsmärkte betroffen sind, welche Betriebsratsstrukturen zuständig werden und bei welchen Agenturen für Arbeit gegebenenfalls Anzeigen erforderlich sind.
Bislang nennt 1&1 weder Standorte noch Berufsgruppen, Führungsebenen oder Abteilungen. Unbekannt ist auch, wie viele Stellen durch Altersteilzeit und natürliche Fluktuation entfallen sollen, wie groß das Freiwilligenprogramm wird und ob betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen werden können.
Parallel führt Versatel weiterhin öffentlich Stellenangebote und eine Initiativbewerbung. Daraus folgt nicht, dass das Unternehmen trotz des Abbaus insgesamt Personal aufbauen will: Ein Umbau kann gleichzeitig Stellen abbauen und in anderen Bereichen neue Kompetenzen suchen. Welche Funktionen wachsen und welche schrumpfen sollen, ist aber bislang ebenfalls nicht veröffentlicht.
Was bedeutet das für Montabaur?
Für Montabaur ist United Internet mit 1&1 ein prägender Wirtschaftsakteur. Die Stadt selbst führt United Internet beziehungsweise 1&1 unter ihren bedeutenden Unternehmen am Wirtschaftsstandort auf.
Gleichzeitig musste Montabaur seinen Haushaltsentwurf 2026 grundlegend überarbeiten, nachdem sich die erwarteten Gewerbesteuereinnahmen von ursprünglich 32,5 Millionen auf nur noch 8,75 Millionen Euro reduzierten. Ein Zusammenhang dieses Rückgangs mit 1&1, United Internet oder Versatel ist öffentlich nicht belegt und darf deshalb nicht hergestellt werden.
Gerade deshalb ist bei der regionalen Bewertung Präzision notwendig: Das Restrukturierungsprogramm wird von einem Konzern mit Hauptsitz in Montabaur gesteuert. Die abzubauenden Stellen liegen bei einer Tochter mit Zentrale in Düsseldorf und mehreren Standorten in Deutschland. Welche unmittelbare Beschäftigungs- oder Steuerwirkung der Vorgang im Westerwald haben wird, bleibt nach derzeitigem Stand offen.
Der dokumentarisch stärkste Punkt liegt an anderer Stelle: Nur wenige Monate nach dem milliardenschweren konzerninternen Kauf soll Versatel strukturell umgebaut werden. Die neue Organisation soll ab 2028 jährlich rund 25 Millionen Euro Ergebnisbeitrag liefern. Gleichzeitig können die Geschäftsergebnisse 2027 bis 2029 den Kaufpreis um bis zu 300 Millionen Euro verändern.
Ob diese beiden Mechanismen voneinander getrennt sind oder sich rechnerisch berühren, ist eine Frage, die die veröffentlichten Dokumente bislang nicht beantworten.
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Quellen:
- 1&1 AG – Ad-hoc-Mitteilung: Transformations- und Restrukturierungsprogramm bei 1&1 Versatel – https://www.eqs-news.com/de/news/ad-hoc/11-ag-beschliesst-transformations-und-restrukturierungsprogramm-bei-11-versatel-und-passt-ebitda-prognose-2026-an/c09e7fbd-2796-4d12-bb18-a089f5f37e60_de
- 1&1 AG – Geschäftsbericht 2025 – https://imagepool.1und1.ag/v2/download/berichte/GB_1u1_2025_DEU.pdf
- 1&1 AG – 1&1 erwirbt die 1&1 Versatel GmbH, 21. November 2025 – https://unternehmen.1und1.de/corporate-news/2025/1-1-erwirbt-die-1-1-versatel-gmbh-1
- 1&1 AG – Halbjahreszahlen 2026 – https://unternehmen.1und1.de/corporate-news/2026/1-1-mit-halbjahreszahlen-prognose-2026-bestaetigt
- 1&1 Versatel – Unternehmensprofil und Standorte – https://www.1und1.net/unternehmen
- United Internet AG – Geschäftsbericht 2025 – https://bericht.united-internet.de/fileadmin/geschaeftsbericht/2025/Geschaeftsbericht_2025_d.pdf
- Bundesministerium der Justiz – § 111 Betriebsverfassungsgesetz: Betriebsänderungen – https://www.gesetze-im-internet.de/betrvg/__111.html
- Bundesministerium der Justiz – § 17 Kündigungsschutzgesetz: Anzeigepflicht bei Massenentlassungen – https://www.gesetze-im-internet.de/kschg/__17.html
- Stadt Montabaur – Stadt Montabaur verabschiedet Haushaltsplan 2026 – https://www.montabaur.de/presse/pressemitteilungen-aus-2026/juni/stadt-montabaur-verabschiedet-haushaltsplan-2026/

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