Dunkle Abendansicht von Montabaur mit regionalem Stadtmotiv und Ortslabel „Westerwaldkreis | Montabaur“.

1&1 Versatel soll seine Belegschaft von rund 1.350 auf etwa 1.000 Vollzeitkräfte reduzieren. Für den Umbau kalkuliert 1&1 2026 mit rund 60 Millionen Euro einmaligen Aufwendungen; ab 2028 soll das Programm jährlich rund 25 Millionen Euro zum Ergebnis beitragen. Gleichzeitig kann sich der konzerninterne Kaufpreis für Versatel abhängig von der Geschäftsentwicklung 2027 bis 2029 um bis zu 300 Millionen Euro erhöhen oder vermindern. Einen Beleg dafür, dass der Stellenabbau mit dieser Kaufpreisklausel verknüpft beschlossen wurde, gibt es nicht.

1&1 Versatel baut um – was der Stellenabbau mit dem Kaufpreis zu tun haben könnte

Rund 350 Vollzeitstellen weniger: 1&1 hat für seine Geschäftskundentochter 1&1 Versatel ein umfassendes Transformations- und Restrukturierungsprogramm beschlossen.

Die Zielgröße ist eindeutig. Von derzeit rund 1.350 Vollzeitkräften soll die Belegschaft auf ungefähr 1.000 sinken. Damit würde rechnerisch mehr als jede vierte derzeitige Stelle entfallen.

Das Unternehmen begründet den Schritt mit einer Weiterentwicklung von Organisation, Prozessen und IT-Strukturen. Führungsstrukturen sollen vereinfacht und Hierarchieebenen reduziert werden.

Freiwilligenprogramm statt angekündigter betriebsbedingter Kündigungen

1&1 erklärt, die Anpassungen sollten sozialverträglich und im Dialog mit den Arbeitnehmervertretungen umgesetzt werden.

Neben bereits bestehenden Altersteilzeitvereinbarungen sollen Gespräche über ein Freiwilligenprogramm geführt werden.

Aus der Unternehmensmitteilung geht allerdings nicht hervor, wie viele Stellen an welchen einzelnen Standorten betroffen sein werden.

Das ist insbesondere für Montabaur wichtig.

1&1 hat seinen Hauptsitz in Montabaur. Die angekündigten rund 350 Stellen beziehen sich jedoch auf 1&1 Versatel insgesamt. Eine öffentlich belegte Zahl darüber, wie viele Arbeitsplätze konkret am Standort Montabaur entfallen sollen, liegt bislang nicht vor.

Es wäre deshalb falsch, die bundesweit angekündigten 350 Stellen vollständig Montabaur zuzurechnen.

Umbau kostet zunächst rund 60 Millionen Euro

Der Personalabbau soll nicht sofort zu einem positiven Ergebniseffekt führen.

1&1 rechnet für 2026 mit einmaligen Aufwendungen von rund 60 Millionen Euro. Darin enthalten sind nach Unternehmensangaben insbesondere Kosten der geplanten Personalmaßnahmen sowie weitere Projektkosten.

Wegen dieser Belastung reduzierte 1&1 seine EBITDA-Prognose für 2026 auf rund 740 Millionen Euro.

Ohne die Effekte des Transformationsprogramms erwartet das Unternehmen weiterhin ein bereinigtes EBITDA von rund 800 Millionen Euro.

Nach vollständiger Umsetzung soll das Programm ab 2028 jährlich rund 25 Millionen Euro Ergebnisbeitrag liefern.

Ein Kauf innerhalb des eigenen Konzerns

Interessant wird diese Restrukturierung durch einen zweiten Vorgang.

United Internet hatte 1&1 Versatel Ende 2025 konzernintern an die ebenfalls zur United-Internet-Gruppe gehörende 1&1 AG verkauft.

Der damals mitgeteilte Kaufpreis lag bei rund 1,3 Milliarden Euro. United Internet hielt zu diesem Zeitpunkt gleichzeitig die große Mehrheit an 1&1.

Der Verkauf war also kein klassischer Verkauf an einen völlig außenstehenden Konzern.

Die Konditionen seien nach Einschätzung des United-Internet-Vorstands dennoch mit einem Drittgeschäft vergleichbar und angemessen gewesen. Ein unabhängiger externer Experte habe diese Einschätzung bestätigt.

Bis zu 300 Millionen Euro nach oben oder unten

Entscheidend ist eine Klausel, die United Internet selbst veröffentlicht hat.

Abhängig von der künftigen Geschäftsentwicklung von 1&1 Versatel in den Jahren 2027, 2028 und 2029 kann sich der Kaufpreis um bis zu 300 Millionen Euro erhöhen oder vermindern.

Ein möglicher Anpassungsbetrag wäre 2030 fällig.

Damit existiert ein erheblicher variabler Kaufpreisbestandteil.

Was öffentlich nicht beschrieben wird, ist die genaue Berechnungsformel.

Aus den veröffentlichten Informationen lässt sich insbesondere nicht sicher ableiten, welche konkreten Ergebnis-, Umsatz-, Cashflow- oder sonstigen Unternehmenskennzahlen für die spätere Kaufpreisanpassung maßgeblich sind.

Der Zusammenhang darf nicht konstruiert werden

Die zeitliche Reihenfolge fällt auf:

Ende 2025 wurde Versatel innerhalb des Konzerns verkauft.

2026 wird ein Restrukturierungsprogramm beschlossen.

Ab 2027 beginnt der Zeitraum, dessen Geschäftsentwicklung für die mögliche Kaufpreisanpassung relevant ist.

Ab 2028 erwartet 1&1 aus dem Transformationsprogramm einen jährlichen Ergebnisbeitrag von rund 25 Millionen Euro.

Diese zeitliche Abfolge ist dokumentiert.

Sie beweist jedoch keine Absicht.

Es gibt keinen Beleg dafür, dass 1&1 Stellen abbaut, um die Kaufpreisklausel zu beeinflussen. Ebenso gibt es bislang keinen öffentlich zugänglichen Beleg dafür, dass die erwarteten Einsparungen tatsächlich in die maßgebliche Berechnung der Kaufpreisanpassung eingehen.

Eine solche Behauptung wäre deshalb nicht gerechtfertigt.

Genau hier liegt die offene Frage

Journalistisch interessant ist vielmehr, wie die beiden dokumentierten Vorgänge rechnerisch voneinander abgegrenzt werden.

Wenn ein Unternehmen seine Kostenstruktur verändert und ab 2028 einen zusätzlichen Ergebnisbeitrag erwartet, während gleichzeitig die Geschäftsentwicklung 2027 bis 2029 für einen variablen Kaufpreis von bis zu 300 Millionen Euro relevant ist, stellt sich eine nachvollziehbare Bilanz- und Vertragsfrage:

Wie werden Effekte des Restrukturierungsprogramms bei der späteren Kaufpreisanpassung behandelt?

Die öffentlich zugänglichen Mitteilungen beantworten diese Frage nicht.

Keine belastbare Aussage zu Gewerbesteuern

Auch für Montabaur ist Zurückhaltung erforderlich.

United Internet und 1&1 gehören zu den sichtbarsten Unternehmen am Standort. Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch ableiten, welchen konkreten Anteil einzelne Konzerngesellschaften am Gewerbesteueraufkommen der Stadt haben.

Ebenso wenig kann aus dem Stellenabbau ohne weitere Daten auf eine konkrete Veränderung der Gewerbesteuer geschlossen werden.

Unternehmensgewinne, steuerliche Organschaften, Verlustverrechnung und konzerninterne Strukturen sind komplexer als die reine Zahl der Beschäftigten.

Eine direkte Rechnung „weniger Stellen gleich weniger Gewerbesteuer“ wäre deshalb unseriös.

Was ist belegt?

Belegt sind der geplante Abbau von rund 350 Vollzeitstellen, die einmaligen Restrukturierungskosten von rund 60 Millionen Euro und der von 1&1 erwartete jährliche Ergebnisbeitrag von rund 25 Millionen Euro ab 2028.

Belegt ist auch die Kaufpreisklausel von bis zu plus oder minus 300 Millionen Euro abhängig von der Geschäftsentwicklung der Jahre 2027 bis 2029.

Nicht belegt ist dagegen eine gezielte Verbindung beider Entscheidungen.

Was bleibt offen?

Offen ist, welche konkreten Kennzahlen über die spätere Kaufpreisanpassung entscheiden.

Offen ist, in welchem Umfang die einzelnen Standorte vom Personalabbau betroffen sein werden.

Und offen ist damit auch, ob und in welchem Umfang Restrukturierungseffekte überhaupt Einfluss auf die variable Kaufpreiskomponente nehmen können.

Gerade diese Trennung ist entscheidend: Die 300-Millionen-Frage ist berechtigt. Eine Antwort darauf liefern die veröffentlichten Unternehmensunterlagen bislang nicht.

Quellen:

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