Für die neue Toilettenanlage auf dem Festplatz „In der Host“ in Niederhadamar sind inzwischen 355.699,72 Euro Gesamtinvestitionsvolumen ausgewiesen. Noch Mitte März führte das Land dieselbe Hessenkassen-Maßnahme mit 250.000 Euro und zusätzlichem Lager- und Technikraum. Zwischenzeitlich scheiterte eine zusätzliche Finanzierung politisch, Sanierung und Container wurden als Alternativen geprüft. Was der Neubau am Ende tatsächlich kostet und wie häufig die Anlage genutzt wird, ist öffentlich bislang nicht abschließend dokumentiert.
Hadamars teures Örtchen: Wie aus 250.000 Euro 355.700 wurden
Im Überblick: Kosten – Politischer Stopp – Alternativen – Sechs-Tage-Kritik – Was offen bleibt
355.699,72 Euro stehen inzwischen für die neue Toilettenanlage auf dem Festplatz „In der Host“ in Niederhadamar in der offiziellen Hessenkasse-Förderliste. Noch am 13. März 2026 führte das Land dasselbe Projekt mit 250.000 Euro – damals ausdrücklich einschließlich Lager- und Technikraum. Der Unterschied: 105.699,72 Euro. Gleichzeitig ist der Lager- und Technikraum aus der aktuellen Förderbeschreibung verschwunden.
Das klingt zunächst nach einer einfachen Geschichte über ein ungewöhnlich teures öffentliches WC. Genau so einfach ist die Aktenlage aber nicht. Ende 2025 verweigerte die Hadamarer Stadtverordnetenversammlung zunächst zusätzliche Mittel. Danach ließ die Stadt Alternativen prüfen. Eine erste Sanierungsschätzung lag bei rund 240.000 Euro, eine WC-Containerlösung wurde mit 174.000 Euro brutto beziffert. Im Februar 2026 kam der Neubau über einen veränderten Finanzierungsweg dennoch wieder auf den Tisch.
Der Bund der Steuerzahler hat das Projekt nun in sein Schwarzbuch aufgenommen und stellt der Investition insbesondere sechs regelmäßig angesetzte Veranstaltungstage gegenüber. Diese Zuspitzung macht sich 2halb3 ausdrücklich nicht als eigene Tatsachenfeststellung zu eigen: Die öffentlichen Hadamarer Unterlagen zeigen, dass bereits 2024 ein dauerhafter Zugang zur Behindertentoilette geprüft werden sollte. Wie häufig die fertige Anlage tatsächlich genutzt wird, lässt sich aus den öffentlich zugänglichen Unterlagen derzeit nicht feststellen.
DAS WICHTIGSTE
Für das Projekt sind aktuell 355.699,72 Euro Gesamtinvestitionsvolumen ausgewiesen. Im März waren es noch 250.000 Euro. Ein zusätzlicher Finanzierungsbedarf von 71.000 Euro wurde Ende November 2025 zunächst abgelehnt. Eine erste Sanierungsschätzung lag bei etwa 240.000 Euro brutto, eine Containerlösung bei 174.000 Euro brutto zuzüglich weiterer Bestandteile. Eine öffentliche Schlussrechnung und belastbare tatsächliche Jahresnutzung liegen bislang nicht vor.
Von 250.000 auf 355.699,72 Euro
Der Vergleich der offiziellen Hessenkasse-Listen ist eindeutig. Am 13. März 2026 wurde das Vorhaben unter der Antragsnummer 71615925 noch als „Neubau einer Toilettenanlage sowie Lager- und Technikraum“ geführt. Das Gesamtvolumen betrug 250.000 Euro, davon 225.000 Euro Landeszuschuss und 25.000 Euro Kofinanzierungsanteil.
In der Förderliste vom 15. September 2026 lautet die Beschreibung nur noch „Neubau einer Toilettenanlage in der Parkanlage ‚In der Host‘ in Niederhadamar“. Ausgewiesen werden jetzt 325.000 Euro Hessenkassen-Investitionsvolumen, davon 292.500 Euro Landeszuschuss und 32.500 Euro Kofinanzierungsanteil. Zusätzlich stehen 30.699,72 Euro Eigenmittel in der Tabelle. Das ergibt 355.699,72 Euro Gesamtinvestitionsvolumen.
Damit ist ein Anstieg um 105.699,72 Euro beziehungsweise rund 42 Prozent gegenüber dem März-Stand belegt.
Nicht belegt ist dagegen, dass 355.699,72 Euro bereits die tatsächlichen endgültigen Baukosten sind. Eine öffentliche Schlussrechnung oder abschließende Kostenfeststellung haben wir trotz gezielter Suche nicht gefunden. Deshalb bezeichnet 2halb3 die Summe nicht als Schlusskosten, sondern als das derzeit amtlich ausgewiesene Gesamtinvestitionsvolumen.
Auffällig bleibt zudem, dass sich nicht nur die Summe verändert hat: Lager- und Technikraum, die im März noch ausdrücklich zur Maßnahme gehörten, tauchen in der aktuellen Förderbeschreibung nicht mehr auf. Warum, geht aus der Förderliste nicht hervor.
71.000 Euro zunächst abgelehnt
Die Mehrkosten waren bereits vor der Förderänderung ein politisches Thema.
Im Bauausschuss erklärte Bürgermeister Michael Ruoff am 12. November 2025, das Ausschreibungsergebnis liege rund 67.000 Euro über den verfügbaren Mitteln. Gemeinsam mit dem Architekten seien Einsparmöglichkeiten gesucht worden. Nach dem Protokoll wären maximal etwa 30.000 Euro Einsparung möglich gewesen. Die Verwaltung befürwortete dies nicht, weil nach ihrer Darstellung das Qualitätsniveau sinken und der Verwaltungsaufwand steigen würde.
Für die Umsetzung sollte anschließend eine Mittelverschiebung von 71.000 Euro erfolgen. Der Magistrat hatte die Umsetzung laut Vorlage wegen der Mehrkosten und der damit verbundenen Gesamtkosten mehrheitlich abgelehnt. Auch der Haupt- und Finanzausschuss sprach sich am 20. November mit 4 Ja- gegen 7 Nein-Stimmen gegen die entsprechende Beschlussempfehlung aus.
Am 27. November folgte die Stadtverordnetenversammlung. Die Mittelverschiebung von 71.000 Euro wurde mit 9 Ja-Stimmen, 24 Gegenstimmen und zwei Enthaltungen abgelehnt. Stattdessen erhielt der Magistrat mit 33 Ja-Stimmen und zwei Enthaltungen den Auftrag, eine Änderung des Verwendungszwecks zu prüfen. Kern sollte eine Investition in das vorhandene Toilettengebäude sein.
Damit war das Vorhaben nicht endgültig beendet. Aber der ursprünglich geplante Weg zur zusätzlichen Finanzierung hatte zu diesem Zeitpunkt keine politische Mehrheit.
Sanierung, Container und Förderdruck
Die Verwaltung prüfte daraufhin das vorhandene Gebäude. Anfang Februar 2026 wurden für eine Sanierung nach einer ersten Schätzung rund 240.000 Euro brutto genannt. Gleichzeitig dokumentierte die Stadt erhebliche mögliche Arbeiten: unter anderem ein beschädigtes asbesthaltiges Dach, Sanitäranlagen, Leitungen, Elektrik, Fenster, Türen, Putz und Arbeiten im Außenbereich. Eine abschließende Kostenschätzung lag zu diesem Zeitpunkt ausdrücklich noch nicht vor.
Deshalb wäre die Aussage falsch, die Sanierung hätte definitiv 240.000 Euro gekostet. Belastbar ist lediglich: Die erste Schätzung lag in dieser Größenordnung.
Hinzu kam eine weitere Alternative. Im Bauausschuss am 25. Februar wurde eine WC-Containeranlage für Damen, Herren und Menschen mit Behinderung mit 145.000 Euro netto beziehungsweise 174.000 Euro brutto beziffert. Laut Protokoll waren Baunebenanlagen wie Fundament und Erschließung enthalten. Zusätzlich wurde eine Fertiggarage als Lagerraum mit rund 30.000 Euro aufgeführt; weitere Arbeiten am Festplatz waren ebenfalls Bestandteil des Alternativvorschlags.
Auch hier gilt: Aus den öffentlich verfügbaren Unterlagen lässt sich nicht ableiten, dass die Containerlösung funktional, qualitativ und über ihre Nutzungsdauer vollständig mit dem geplanten Neubau vergleichbar gewesen wäre.
Gleichzeitig lief die Zeit. In den Unterlagen zur Hessenkasse hielt die Verwaltung fest, dass eine alternative Maßnahme bis August 2026 umgesetzt werden müsse und der Mittelabruf sämtlicher Rechnungen im Oktober 2026 erfolgen solle. Damit bestand dokumentierter Zeitdruck. Daraus folgt allerdings nicht, dass der Neubau ausschließlich wegen der Förderfrist weiterverfolgt wurde.
Am 25. Februar entschied der Bauausschuss schließlich mit 5 Ja-Stimmen, 3 Nein-Stimmen und 3 Enthaltungen, nicht verbrauchte Hessenkassenmittel zu verschieben beziehungsweise deren Verwendungszweck zu ändern, um den Neubau weiterzuverfolgen. Die Containeralternative kam anschließend nicht mehr zur Abstimmung.
Der amtliche Förderstand änderte sich kurz darauf erheblich: Im März standen noch 250.000 Euro in der Förderliste, spätestens im Frühjahr war das Projekt auf das heute ausgewiesene Gesamtvolumen von 355.699,72 Euro angewachsen.
Was an der Zahl stimmt – und was nicht
Der Bund der Steuerzahler hat den Neubau in sein Schwarzbuch aufgenommen. Seine Kritik setzt unter anderem bei der Nutzung an: Kirmes und Weihnachtsmarkt ergeben demnach regelmäßig sechs Veranstaltungstage im Jahr. Der Verband hält die Investition vor diesem Hintergrund für unangemessen hoch.
Für eine eigene Tatsachenfeststellung reicht diese Rechnung jedoch nicht.
Bereits im August 2024 stellte die Stadt die Genehmigungsplanung im Bauausschuss vor. Im Ergebnis der Beratungen wurde ausdrücklich ein dauerhafter Zugang zur Behindertentoilette gewünscht. Die Verwaltung sollte technische Möglichkeiten und Kosten für einen Zugang mit gesondertem Schlüssel prüfen. Damen- und Herren-WCs sollten dagegen so abschließbar sein, dass sie außerhalb von Veranstaltungen nicht zugänglich sind. Der Beschluss fiel mit neun Ja-Stimmen bei einer Enthaltung.
Ob dieser dauerhafte Zugang im endgültigen Bau tatsächlich umgesetzt wurde, ist in den bisher öffentlich auffindbaren Unterlagen nicht abschließend dokumentiert.
Deshalb gilt: Die sechs Tage sind eine nachvollziehbare Grundlage der Kritik des Bundes der Steuerzahler an den regelmäßig genannten Großveranstaltungen – aber kein belegter Nachweis dafür, dass die gesamte neue Anlage tatsächlich nur sechs Tage im Jahr genutzt wird.
Auch eine plakative Rechnung wie „fast 60.000 Euro pro Nutzungstag“ wäre damit irreführend. Sie würde eine langfristige Investition auf ein einzelnes Jahr reduzieren und gleichzeitig eine noch nicht belegte tatsächliche Nutzung voraussetzen.
Schlussrechnung fehlt weiterhin
Die Recherche stößt inzwischen auf eine sehr konkrete Dokumentenlücke.
Die Stadt nennt in einer Beschlussvorlage selbst mehrere Anlagen, die für eine vollständige Bewertung entscheidend wären: darunter den Kostenanschlag für den Neubau vom 3. September 2025, die detaillierte Sanierungskostenschätzung, Baueingabepläne sowie Kalkulationen für WC-Container, Lagerraum und eine mobile WC-Lösung. Im öffentlich zugänglichen Vorgang werden diese Anlagen jedoch nicht als separate Dateien bereitgestellt.
Öffentlich nicht auffindbar sind zudem eine abschließende Schlussrechnung, die vollständigen Zuschlagssummen der einzelnen Gewerke, mögliche Nachträge, eine abschließende Kostenfeststellung sowie ein Verwendungsnachweis der Hessenkasse.
Damit lässt sich die entscheidende Frage derzeit nur bis zu einem bestimmten Punkt beantworten:
Belegt ist ein ausgewiesenes Gesamtinvestitionsvolumen von 355.699,72 Euro. Belegt sind die politischen Diskussionen um Mehrkosten und mehrere geprüfte Alternativen. Nicht belegt sind bislang die endgültigen tatsächlichen Kosten des fertigen Gebäudes und seine tatsächliche Jahresnutzung.
Genau diese Dokumente werden darüber entscheiden, ob aus dem derzeit ausgewiesenen Projektvolumen am Ende mehr, weniger oder exakt 355.699,72 Euro tatsächliche Kosten werden.
Der Schwarzbuch-Vorwurf hat damit einen realen dokumentierten Kern: Das Projekt ist erheblich teurer ausgewiesen als noch wenige Monate zuvor, und günstigere Alternativen standen nachweislich zur Diskussion. Ob die Investition deshalb als „Steuerverschwendung“ zu bewerten ist, bleibt eine Bewertung des Bundes der Steuerzahler – keine Tatsachenfeststellung von 2halb3.
Fehler entdeckt?
Schreiben Sie uns an redaktion@2halb3.de. Wir prüfen sachliche Hinweise und korrigieren Fehler transparent.
Stellungnahme:
Betroffene, Verantwortliche, Behörden, Betriebe und weitere Beteiligte können uns eine Stellungnahme übermitteln. Eingehende Stellungnahmen werden redaktionell geprüft und – sofern für den Sachverhalt relevant – gegebenenfalls als transparent gekennzeichnetes Update berücksichtigt.
QUELLEN:
- Hessisches Ministerium der Finanzen – Hessenkasse-Förderliste, Stand 15. September 2026
Förderliste September 2026 - Hessisches Ministerium der Finanzen – Hessenkasse-Förderliste, Stand 13. März 2026
Förderliste März 2026 - Stadt Hadamar – Ausschuss für Bau, Digitales und Verkehr, 12. November 2025
Sitzungsunterlagen 12. November 2025 - Stadt Hadamar – Haupt- und Finanzausschuss, 20. November 2025
Niederschrift 20. November 2025 - Stadt Hadamar – Stadtverordnetenversammlung, 27. November 2025
Sitzungsunterlagen 27. November 2025 - Stadt Hadamar – Beschlussvorlage zur Sanierung/Änderung Hessenkasse, Februar 2026
Beschlussvorlage VL-12/2026 - Stadt Hadamar – Ausschuss für Bau, Digitales und Verkehr, 25. Februar 2026
Niederschrift 25. Februar 2026 - Stadt Hadamar – Ausschuss für Bau, Digitales und Verkehr, 27. August 2024
Sitzungsunterlagen 27. August 2024 - Bund der Steuerzahler – Schwarzbuch: „Stilles Örtchen wird besonders still“
Schwarzbuch-Fall Niederhadamar
Mehr aus der Region: Weitere aktuelle Nachrichten, Hintergründe und Recherchen aus Limburg-Weilburg finden Sie in unserem Regionalbereich Landkreis Limburg-Weilburg.

Noch kein Kommentar vorhanden