Glasfaser-Ausbau im Rhein-Lahn-Kreis: Aufgerissene Straße mit orangefarbenen Leerrohren, Baustellenabsperrungen und der Headline „Leerrohr statt Leistung?“.

Im Rhein-Lahn-Kreis fließen Millionen in Glasfaser. Doch zwischen Förderbescheiden, Leerrohren, Baupartner-Pleiten und offenen Anschlüssen bleibt die entscheidende Frage: Wer ist wirklich online?

Glasfaser im Rhein-Lahn-Kreis: Leerrohr statt Leistung?

Im Rhein-Lahn-Kreis klingt Glasfaser auf dem Papier nach Zukunft. Nach schnellem Internet, Homeoffice, digitalem Unterricht, besseren Gewerbestandorten und Anschluss ans 21. Jahrhundert. Doch wer genauer hinschaut, landet nicht nur bei Förderbescheiden und Spatenstichen. Er landet bei Leerrohren, Baustopps, Baupartner-Wechseln, offenen Forderungen, Gestattungserklärungen und der Frage, wer am Ende eigentlich Verantwortung übernimmt.

Der Landkreis meldete im August 2025 beim geförderten Ausbau der sogenannten weißen Flecken rund 500 Kilometer Trasse. Davon seien 360 Kilometer gebaut. Rund 1.000 Adressen sollen Glasfaser erhalten, etwa 35 Prozent seien damals baulich vorbereitet gewesen. Das geht aus der Mitteilung des Rhein-Lahn-Kreises zur Teilinbetriebnahme des Glasfasernetzes hervor.

Das klingt nach Fortschritt. Aber es beantwortet nicht die wichtigste Bürgerfrage: Kommt aus der Wand wirklich schnelles Internet – oder liegt nur irgendwo ein Rohr im Boden?

Genau hier beginnt die Recherche. Denn im Glasfaserausbau wird gern mit großen Zahlen gearbeitet. Kilometer. Fördermittel. Adressen. Bauabschnitte. Doch zwischen „Trasse gebaut“, „Leerrohr verlegt“, „Hausanschluss vorbereitet“, „Ready for Service“ und „Anschluss aktiv“ liegen Welten. Für Bürgerinnen, Bürger und Betriebe zählt am Ende nur ein Zustand: Der Anschluss funktioniert.

Der Trick mit den Ausbauzahlen

Der Rhein-Lahn-Kreis unterscheidet zwischen gefördertem Ausbau und eigenwirtschaftlichem Ausbau. Beim geförderten Ausbau geht es unter anderem um weiße Flecken, also bisher unterversorgte Adressen, häufig im Außenbereich. Dazu kommen Gewerbegebiete, Schulen, Kliniken und weitere Sonderbereiche.

Auf der Kreis-Seite zum Bauabschnitt 3b heißt es, der Kreis habe auf Basis der Markterkundung 938 weiße Flecken und 28 unterversorgte Gewerbegebiete mit 466 Teilnehmeranschlüssen identifiziert. Das Projektvolumen wird mit rund 57 Millionen Euro angegeben. Beim geförderten Ausbau sollen unterversorgte Adressen direkt mit Glasfaser angebunden werden.

Im August 2025 meldete der Kreis dann die erste Teilinbetriebnahme des Glasfasernetzes am POP-Standort Holzappel. Rund 80 Wohneinheiten würden von dort versorgt, erste Aktivierungen sollten noch im selben Monat beginnen. Holzappel sei der erste von zehn POP-Bereichen. Die weiteren Standorte sollten folgen, sobald technische und bauliche Arbeiten abgeschlossen sind.

Das ist ein echter Fortschritt. Aber es bleibt ein Ausschnitt. Der Kreis nennt zugleich rund 1.000 Adressen und 35 Prozent baulich vorbereitete Anschlüsse. Baulich vorbereitet ist nicht aktiv. Genau diese Unschärfe muss öffentlich geklärt werden.

Noch brisanter wirkt der Blick auf die Gewerbegebiete. Auf der Kreis-Seite zum geförderten Ausbau der Gewerbegebiete steht, der Ausbau solle im zweiten Quartal 2025 beginnen und im letzten Quartal 2026 beendet werden. In der späteren Kreis-Mitteilung zur Teilinbetriebnahme ist bei den förderfähigen Gewerbegebieten von Teilinbetriebnahmen zwischen 2026 und 2028 die Rede.

Das ist keine Kleinigkeit. Das ist eine Zeitachsen-Frage.

Wurde der Zeitplan gestreckt? Wenn ja: wann, warum und durch wen? Und warum bekommen Bürger und Unternehmen keine einfache, adressnahe Übersicht darüber, was wirklich aktiv ist?

Loreley: Erst Hoffnung, dann Rückzug

Besonders hart wirkt die Lage in der Verbandsgemeinde Loreley. Dort hat die VG im April 2026 öffentlich gemacht, dass UGG die Zusammenarbeit mit mehreren Ortsgemeinden aufgekündigt hat. Betroffen waren nach Angaben der VG Dörscheid, Filsen, Kaub, Kestert, Lierschied, Patersberg, Reichenberg und St. Goarshausen. Für Auel, Reitzenhain und Sauerthal stand die Aufkündigung laut VG ebenfalls an. Nachzulesen ist das in der Mitteilung der Verbandsgemeinde Loreley zum neu geschnürten Glasfaserausbau-Paket.

In dieser Mitteilung steht außerdem, die bei UGG eingereichten Gestattungserklärungen der Bürgerinnen und Bürger kämen damit nicht zur Anwendung. Das ist der Satz, der hängen bleibt.

Denn eine Gestattungserklärung ist für viele Menschen kein Formularspiel. Sie ist ein Signal: Hier passiert etwas. Hier kommt Glasfaser. Hier lohnt sich das Warten. Wenn solche Erklärungen später nicht genutzt werden, steht nicht nur ein Projekt auf der Kippe. Dann steht Vertrauen auf der Kippe.

Für Braubach, Dachsenhausen, Dahlheim, Kamp-Bornhofen, Lykershausen, Nochern, Prath und Weyer stellte UGG laut VG eine Fortsetzung nach Abschluss des Insolvenzverfahrens und mit neuem Bauunternehmen in Aussicht. Auch das klingt zunächst nach Lösung. Doch Bürger brauchen keine Formulierungen mit Konjunktiv. Sie brauchen Termine, Zuständigkeiten und Klarheit.

Wer sagt verbindlich, wann welcher Ort angeschlossen wird? Wer erklärt, welche Bürger wieder in ein Förderprogramm rutschen? Wer übernimmt Verantwortung für Verzögerungen, offene Baustellen oder Schäden?

Phoenix: Die Pleite hinter der Datenautobahn

Der Fall Phoenix Engineering macht aus dem Glasfaserausbau mehr als ein technisches Thema. Er macht ihn zu einer Kontrollfrage.

Der SWR berichtete über die Insolvenz der Kölner Glasfaser-Baufirma Phoenix Engineering und über Subunternehmen aus dem Rhein-Lahn-Kreis, die nach eigenen Angaben auf Geld warten. Nach Recherchen des SWR zur Glasfaser-Pleite im Rhein-Lahn-Kreis belaufen sich Forderungen mehrerer Baufirmen aus der VG Bad Ems-Nassau und der VG Loreley auf mehr als 350.000 Euro.

Der SWR berichtete außerdem über rumänische Glasfaser-Arbeiter, ausstehende Löhne und Existenzangst im Zusammenhang mit Phoenix Engineering. Der Bericht ist hier abrufbar: Glasfaser-Arbeiter im Rhein-Lahn-Kreis haben Existenzangst.

Die Kreisverwaltung erklärte in einer Stellungnahme zum eigenwirtschaftlichen Breitbandausbau, dass im geförderten Breitbandausbau keine unmittelbare oder mittelbare Zusammenarbeit mit Phoenix Engineering bestehe. Formal ist das wichtig. Politisch und praktisch löst es aber nicht das Problem.

Denn Bürger unterscheiden im Alltag nicht zwischen Fördermodell, eigenwirtschaftlichem Ausbau, Generalunternehmer und Subunternehmer. Sie sehen Straßen, Bautrupps, Gräben, Lagerflächen, kaputte Oberflächen und nicht eingelöste Erwartungen. Wenn dann jeder auf den jeweils anderen zeigt, entsteht genau das, was viele Menschen inzwischen satt haben: Zuständigkeits-Pingpong.

Der Kreis ist nicht automatisch verantwortlich für alles, was private Anbieter und deren Bauketten tun. Aber die öffentliche Hand hat ein Interesse daran, dass der Ausbau nicht zum Wildwuchs wird. Wenn ganze Orte aufgerissen werden, reicht der Satz „Wir sind nicht Auftraggeber“ auf Dauer nicht aus.

Bad Ems-Nassau: Leerrohre, Genehmigungen, offene Statusfragen

Die Verbandsgemeinde Bad Ems-Nassau zeigt selbst, wie kompliziert die Lage ist. In einem ausführlichen Statusbericht unterscheidet die VG zwischen gefördertem Ausbau und eigenwirtschaftlichem Ausbau. Die Gemeinden Becheln, Fachbach und Singhofen wurden demnach durch Deutsche Glasfaser ausgebaut. Für die übrigen 25 Gemeinden wurde UGG gewonnen.

Die VG schreibt in ihrem Bericht „Vier Jahre Glasfaserausbau in der VG Bad Ems-Nassau“, dass fast alle Ortsnetze mit Leerrohren ausgebaut seien. In vielen Fällen seien auch bereits Glasfaserkabel eingeblasen. Gleichzeitig habe das Fehlen von mehr als 50 weitgehend wasserrechtlichen Genehmigungen den Ausbau ins Stocken gebracht. Teilweise lagen mehr als 15 Monate zwischen Beantragung und Genehmigung.

Auch hier gilt: Das erklärt Verzögerungen. Es ersetzt aber keine klare öffentliche Liste. Welche Orte sind aktiv? Welche sind nur „Ready for Service“? Welche warten auf Querungen? Welche Schäden sind offen? Welche Bürger haben Verträge, aber noch keine Leistung?

Die Menschen vor Ort brauchen keine Glasfaser-Rhetorik. Sie brauchen eine Statusampel, Straße für Straße oder wenigstens Ort für Ort.

Nastätten: Neuer Baupartner, alte Frage

Auch Nastätten zeigt, dass der Glasfaserausbau nicht nur an Phoenix hängt. Dort teilte die Stadt im November 2025 mit, dass der bisherige Subunternehmer ACL Insolvenz anmelden musste. GlasfaserPlus habe eine neue Baufirma verpflichtet. Rund 85 Prozent der Straßen seien bereits mit Leerrohren ausgestattet. Die Arbeiten sollten je nach Witterung ab Februar/März 2026 fortgesetzt werden, der vollständige Ausbau inklusive Hausanschlüsse bis April 2027 abgeschlossen sein. Die Mitteilung steht auf der Seite der Stadt Nastätten unter „Glasfaserausbau: Es geht weiter“.

GlasfaserPlus teilte später mit, der Ausbau solle ab März 2026 wiederaufgenommen werden und bis Mitte 2027 rund 2.450 Haushalte versorgen. Diese Mitteilung steht hier: GlasfaserPlus nimmt Glasfaserausbau in Nastätten wieder auf.

Das klingt beruhigend. Gleichzeitig zeigt es dasselbe Grundmuster: Ein Baupartner fällt aus, das Projekt wird neu sortiert, Bürger warten weiter. In früheren Mitteilungen war von rund 2.100 Haushalten die Rede, GlasfaserPlus sprach später von rund 2.450 Haushalten bis Mitte 2027. Das kann sachlich erklärbar sein. Aber es muss erklärt werden.

Warum ändern sich Zahlen? Welche Straßen sind fertig? Welche Hausanschlüsse fehlen? Welche Mängel müssen nachgearbeitet werden? Und warum gibt es keine zentrale, leicht verständliche Übersicht?

Diez: Es kann laufen – aber auch dort braucht es klare Zahlen

Nicht überall ist die Lage gleich. In Diez meldete Deutsche GigaNetz im April 2025, es seien rund 18.750 Meter Glasfasertrasse gebaut und mehr als 615 Hausanschlüsse errichtet worden. Mehr als 250 Kundinnen und Kunden würden bereits mit Glasfaser-Internet surfen. Die Mitteilung steht hier: Glasfaserausbau in Diez nimmt weiter Fahrt auf.

Diez ist deshalb ein wichtiger Vergleichsort. Dort lassen sich Ankündigung, Trasse, Hausanschluss und aktive Kunden zumindest besser greifen. Genau solche Zahlen braucht es kreisweit. Nicht nur bei einem Anbieter. Nicht nur bei einem Ort. Sondern für alle betroffenen Ausbaugebiete.

Fördermillionen: viel Geld, wenig Bürgerklarheit

Auch das Land Rheinland-Pfalz spielt in der Förderkulisse eine zentrale Rolle. Das Digitalministerium teilte im Februar 2025 mit, der Rhein-Lahn-Kreis erhalte 12,2 Millionen Euro Landesmittel für den Gigabit-Ausbau. Hinzu kämen 24,4 Millionen Euro Bundesmittel und ein kommunaler Eigenanteil von rund 4,1 Millionen Euro. Insgesamt stehen damit hohe Summen im Raum.

Gerade deshalb reicht allgemeine Erfolgskommunikation nicht aus. Wer mit Millionen fördert, muss auch erklären, was mit diesen Millionen konkret passiert. Welche Orte profitieren zuerst? Welche Betriebe warten weiter? Welche Adressen fallen aus privaten Ausbauplänen heraus und müssen wieder ins Förderprogramm? Und wie lange dauert diese Extrarunde?

Das eigentliche Problem: Verantwortung wird kleinteilig

Der Glasfaserausbau im Rhein-Lahn-Kreis ist kein Totalausfall. Das wäre falsch. Es gibt Förderprojekte, Trassen, Teilinbetriebnahmen, aktive Anschlüsse und Orte, in denen Glasfaser funktioniert.

Aber der Ausbau zeigt ein strukturelles Problem. Sobald es schwierig wird, zerfällt das große Zukunftsversprechen in lauter Einzelzuständigkeiten. Der Kreis verweist auf Förderprojekte. Verbandsgemeinden begleiten, sind aber oft nicht Auftraggeber. Anbieter verweisen auf Bauunternehmen. Bauunternehmen fallen aus. Insolvenzverwalter prüfen Ansprüche. Bürger bleiben mit Wartezeit, Baustellenresten oder offenen Fragen zurück.

Genau hier muss Transparenz her. Nicht als Hochglanzmeldung. Nicht als Foto vom Spatenstich. Sondern als harte, adressnahe Wahrheit.

Wo ist Glasfaser wirklich aktiv?
Wo liegt nur Leerrohr?
Wo wurden Gestattungen eingesammelt, aber nicht genutzt?
Wo sind Schäden offen?
Welche Gewerbegebiete werden erst 2028 teilinbetriebgenommen?
Und wer übernimmt Verantwortung, wenn Versprechen nicht halten?

2halb3 sucht Hinweise aus dem Rhein-Lahn-Kreis. Haben Sie Glasfaser bestellt, aber keinen Anschluss? Wurde Ihre Straße aufgerissen und nicht sauber wiederhergestellt? Haben Sie als Unternehmer, Anwohner oder Ortsgemeinde Erfahrungen mit UGG, Phoenix, GlasfaserPlus, Deutsche Glasfaser, Telekom, Deutsche GigaNetz, epcan/MUENET oder beteiligten Baufirmen gemacht?

Schreiben Sie uns. Mit Ort, Straße, Anbieter, Datum, Fotos und Schriftverkehr. Denn die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob Glasfaser irgendwann kommt. Die Frage lautet: Wer sagt den Bürgern endlich sauber, wo nur ein Rohr liegt – und wo wirklich Internet aus der Wand kommt?

Quellen und Recherche: Rhein-Lahn-Kreis, VG Loreley, VG Bad Ems-Nassau, Stadt Nastätten, Digitalministerium Rheinland-Pfalz, SWR, eigene Auswertung öffentlich zugänglicher Mitteilungen.

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