Der Westerwaldkreis hat nicht einfach „ein paar unbesetzte Praxen“. Die Zahlen zeigen ein Systemproblem: alternde Ärzteschaft, freie Niederlassungsmöglichkeiten, Nachwuchs mit anderen Erwartungen – und dazu ein MFA-Mangel, der jede Praxis ausbremst. Die Politik verteilt Fördergeld. Die Frage ist nur: Reicht das noch?
Die Versorgung bröckelt nicht. Sie altert weg.
Der Ärztemangel im Westerwald ist kein plötzliches Gewitter. Er ist seit Jahren am Himmel zu sehen. Nur haben viele so getan, als ziehe die dunkle Wolke schon irgendwie vorbei. Tut sie nicht.
Die Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz weist für den Westerwaldkreis 117,25 hausärztliche Versorgungsaufträge, 112,75 fachärztliche Versorgungsaufträge und 40 psychotherapeutische Versorgungsaufträge aus. Das klingt auf dem Papier ordentlich. Doch Papier bekommt keinen Hausbesuch, hebt kein Praxistelefon ab und vergibt keinen Facharzttermin. Entscheidend ist die Altersstruktur: Bei den Hausärzten im Westerwaldkreis sind laut KV RLP 18 Prozent zwischen 60 und 64 Jahre alt, 13 Prozent zwischen 65 und 69 und weitere 9 Prozent über 70. Macht zusammen: rund 40 Prozent ab 60.
Noch härter wird es beim Nachbesetzungsbedarf. Im hausärztlichen Mittelbereich Montabaur sieht die KV RLP 30 Ärzte beziehungsweise 27 Versorgungsaufträge als nachzubesetzen. Im Bereich Westerburg/Hachenburg sind es 23 Ärzte beziehungsweise 22 Versorgungsaufträge – dort entspricht das 49 Prozent der Ärzte und 50 Prozent der Versorgungsaufträge. Wer da noch von „Einzelfällen“ spricht, betreibt Schönfärberei mit Stethoskop.
Die Bedarfsplanung sieht gut aus – bis man krank wird
Die offizielle Bedarfsplanung arbeitet mit Versorgungsgraden. Klingt technisch, ist aber politisch hochbrisant. Laut Landtagsdrucksache lag der hausärztliche Versorgungsgrad im Mittelbereich Montabaur bei 95,9 Prozent; bis zu einem bedarfsgerechten Versorgungsgrad von 110 Prozent bestehen dort 11,5 Niederlassungsmöglichkeiten. Westerburg/Hachenburg kommt auf 94,3 Prozent und 8,5 Niederlassungsmöglichkeiten. Das sind keine gefühlten Defizite am Stammtisch, sondern Zahlen aus den Planungsblättern der KV Rheinland-Pfalz.
Auch bei Fachärzten lohnt der Blick hinter die beruhigende Fassade. Für den Westerwaldkreis nennt die Landtagsantwort bei Hautärzten einen Versorgungsgrad von 56,6 Prozent und drei Niederlassungsmöglichkeiten bis 110 Prozent. Bei Frauenärzten liegt der Versorgungsgrad bei 100 Prozent, bei Kinderärzten bei 102,9 Prozent – auch dort bestehen rechnerisch noch Niederlassungsmöglichkeiten. Heißt übersetzt: Selbst da, wo keine akute Unterversorgung ausgerufen wird, ist das System nicht komfortabel. Es läuft knapp. Und knappe Systeme kippen zuerst auf dem Land.
Die KV RLP selbst fordert eine Reform der Bedarfsplanung und bezeichnet sie als Zulassungsverhinderungsinstrument, das grundlegend reformiert werden müsse. Genau hier liegt der Kern: Wenn das System erst dann laut schreit, wenn die Versorgung sichtbar kollabiert, ist es für viele Patienten längst zu spät.
Fördergeld ist gut. Aber kein Arzt zieht wegen 20.000 Euro sein Leben um.
Das Land Rheinland-Pfalz fördert Niederlassungen, Praxisübernahmen, Anstellungen und Zweigpraxen im hausärztlichen Bereich. Seit Januar 2024 umfasst das Programm auch Kinder- und Jugendärzte. Zusätzlich gibt es Förderinstrumente über die KV RLP und Krankenkassen; für Praxisübernahmen oder Neugründungen sind laut Informationsportal „Lass dich nieder“ bis zu 39.000 Euro möglich, beim Land Rheinland-Pfalz bis maximal 20.000 Euro.
Das ist nicht nichts. Aber es ist auch nicht der große Befreiungsschlag. Wer eine Praxis übernimmt, übernimmt nicht nur Behandlungsräume. Er übernimmt Investitionen, Personalrisiken, Bürokratie, Digitalisierungspflichten, Budgetdruck, Notdienste, Immobilienfragen und die Erwartung einer ganzen Region. Da wirken Förderprämien schnell wie ein Pflaster auf einer offenen Fraktur.
Die Landarztquote setzt früher an: Bewerber verpflichten sich vor Studienbeginn, später Allgemeinmedizin oder Kinder- und Jugendmedizin zu wählen und zehn Jahre in ländlicheren Regionen von Rheinland-Pfalz zu arbeiten. Das ist langfristig sinnvoll. Aber der Westerwald braucht nicht nur Ärzte in zehn oder fünfzehn Jahren. Er braucht auch jetzt Menschen, die ans Telefon gehen, Patienten aufnehmen und Praxen übernehmen.
Junge Ärzte sind nicht faul. Sie sind nicht verrückt.
Der beliebte Reflex lautet: Junge Ärzte wollen nicht mehr arbeiten. Das ist bequem – und ziemlich billig. Die Realität ist komplizierter. Das Berufsmonitoring der KBV zeigt: Für Medizinstudierende zählt eine gute Work-Life-Balance besonders stark. Viele bevorzugen Anstellung in Praxen oder MVZ, am liebsten in der Heimatregion. Gleichzeitig sehen sie Potenzial in Digitalisierung, sind aber mit der bisherigen Umsetzung fast gar nicht zufrieden: Nur 1,4 Prozent bewerten den Verlauf positiv.
Das ist die eigentliche Kampfzone. Junge Ärzte wollen Medizin machen, aber nicht ihr Leben an ein Faxgerät, ein dysfunktionales Praxisverwaltungssystem und 40 Jahre Einzelkämpfertum ketten. Wer Nachwuchs für den Westerwald gewinnen will, muss mehr anbieten als schöne Worte beim Neujahrsempfang: planbare Arbeitszeiten, Teamstrukturen, verlässliche Kinderbetreuung, digitale Praxisabläufe, bezahlbaren Wohnraum, gute Schul- und Betreuungsangebote – und Unterstützung beim unternehmerischen Risiko.
Eine Zi-Befragung von angestellten Ärzten und Psychotherapeuten zeigt, dass Niederlassung nicht tot ist. Fast 40 Prozent der bis 35-Jährigen planen eine eigene Niederlassung, weitere gut 45 Prozent sind unentschlossen. Aber die Hürden sind klar: 67 Prozent nennen die Verfügbarkeit von Praxispersonal als größte Herausforderung, 64 Prozent den Aufwand der Digitalisierung, fast 62 Prozent die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
Ohne MFA steht die Praxis. Punkt.
Der Ärztemangel wird oft am Arzt festgemacht. Das greift zu kurz. Eine Praxis ohne Medizinische Fachangestellte ist keine Praxis, sondern ein Wartezimmer mit Approbation. MFA organisieren Termine, Labor, Abrechnung, Patientensteuerung, Dokumentation, Kommunikation und oft auch den täglichen Frust, der am Tresen landet.
Die Bundesagentur für Arbeit bewertet jährlich Fachkräfteengpässe anhand mehrerer Indikatoren. Ein Beruf gilt ab einem Punktewert von 2,0 als Engpassberuf. Die BA meldete für 2024 weiterhin Engpässe in 163 von rund 1.200 bewerteten Berufen; besonders betroffen bleiben Pflege- und Gesundheitsberufe. Medizinische Fachangestellte zählen in BA-Auswertungen zu den beschäftigungsstärksten Engpassberufsgattungen; ihr Medianentgelt lag 2024 bei 3.129 Euro brutto für Vollzeitbeschäftigte der Kerngruppe.
Hier wird es bitter: Wer Ärzte aufs Land locken will, muss auch Praxisteams sichern. Sonst gewinnt die Region vielleicht einen Arzt – und verliert trotzdem Termine, Öffnungszeiten und Aufnahmefähigkeit. Der Tresen ist die Frontlinie der Versorgung. Und genau dort wird der Druck immer brutaler.
Wer Verantwortung trägt
Die Verantwortung liegt nicht bei „den jungen Ärzten“. Auch nicht bei einzelnen Praxen, die irgendwann schließen. Verantwortlich ist ein System, das ländliche Versorgung jahrelang mit Tabellen verwaltet hat, während die Realität schneller wurde.
Der Bund trägt Verantwortung für Rahmenbedingungen, Budgetierung, Bürokratie und digitale Zumutungen. Das Land trägt Verantwortung dafür, ob Förderprogramme wirklich schnell genug wirken oder nur gut klingen. Die KV trägt Sicherstellungsverantwortung und muss früh genug Alarm schlagen. Die Kommunen tragen Verantwortung für Standortpolitik: Räume, Wohnraum, Kita, Schule, ÖPNV, Willkommenskultur, Unterstützung bei Ansiedlung. Und die Patienten? Auch sie sollten sich fragen, wie lange ein System hält, in dem Praxisteams immer mehr leisten sollen, während Respekt am Empfang offenbar optional geworden ist.
Der Westerwald braucht keine weiteren Sonntagsreden über die „wichtige ärztliche Versorgung“. Er braucht einen harten Versorgungsgipfel mit Zahlen, Fristen und Zuständigkeiten. Welche Praxen stehen vor Übergabe? Wo fehlen MFA? Welche Kommunen bieten konkrete Standorte an? Wer koordiniert Praxisverbünde? Wo könnten kommunale MVZ helfen? Welche Facharztgruppen sind tatsächlich kritisch? Und wann sagt endlich jemand ehrlich: Förderprämien allein werden diese Lücke nicht schließen.
Denn am Ende misst sich Versorgung nicht am Versorgungsgrad. Sie misst sich daran, ob ein kranker Mensch einen Termin bekommt.
Quellen
Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz: Kreisdaten Westerwaldkreis, Stand 31.12.2025.
Landtag Rheinland-Pfalz: Antwort der Landesregierung auf Große Anfrage, Drucksache 18/13300, mit KV-Daten zu Altersstruktur, Versorgungsgraden und Niederlassungsmöglichkeiten.
Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Gesundheit Rheinland-Pfalz: Landarztquote, Landkinderarztquote und Landesförderung hausärztliche Versorgung.
KV/KBV/Zi: Berufsmonitoring Medizinstudierende, Niederlassungsbefragungen und Nachwuchs-/MFA-Informationen.
Bundesagentur für Arbeit: Fachkräfteengpassanalyse und Entgeltstatistik 2024.
Eigene Recherche/Auswertung: 2halb3-Auswertung öffentlich zugänglicher Daten zu Westerwaldkreis, Planungsbereichen Montabaur und Westerburg/Hachenburg, Förderinstrumenten, Nachwuchs- und MFA-Problematik.

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