Am 30. August entscheiden die Wähler im Westerwaldkreis zwischen Klaus Lütkefedder und Tanja Machalet. Doch hinter dem Duell stehen 92.709 Nichtwähler, 21.492 neu zu verteilende Stimmen und eine Finanzplanung, die deutlich unbequemer ist als manche Wahlkampfbotschaft.
Ein Kreis vor teuren Jahren: Was Lütkefedder und Machalet jetzt erklären müssen
Am 30. August geht es im Westerwaldkreis nicht nur um CDU oder SPD. Es geht um acht Jahre Macht über eine Kreisverwaltung, einen Milliardenapparat an Aufgaben und einen Haushalt, dessen Spielräume enger werden. Klaus Lütkefedder startet mit deutlichem Vorsprung in die Stichwahl: 29.148 Stimmen beziehungsweise 43,3 Prozent erhielt der CDU-Kandidat im ersten Wahlgang. Tanja Machalet kam für die SPD auf 16.617 Stimmen und 24,7 Prozent. Doch wer daraus bereits einen sicheren Sieger ableitet, übersieht zwei gewaltige Blöcke: Nach der offiziellen Feststellung des Kreiswahlausschusses blieben 92.709 Wahlberechtigte zuhause. Weitere 21.492 Menschen stimmten für Kandidaten, die am Sonntag nicht mehr auf dem Wahlzettel stehen.
Gleichzeitig bekommt der oder die Neue keinen finanziellen Wunschzettel überreicht, sondern eine Rechnung. Der Westerwaldkreis plant 2026 erstmals nach Jahren des Schuldenabbaus wieder eine Kreditaufnahme von rund zehn Millionen Euro. Der Ergebnishaushalt schreibt rote Zahlen, Investitionen verschlingen deutlich mehr Geld als zur Verfügung steht, Rücklagen werden angegriffen und Maßnahmen wurden bereits verschoben. Der damalige Landrat Achim Schwickert nannte die erneute Kreditaufnahme selbst einen „Schritt in die falsche Richtung“. Die politische Schonzeit endet also noch bevor der neue Landrat überhaupt seinen Schreibtisch bezogen hat.
Schon bei den amtlichen Wahlzahlen gibt es Erklärungsbedarf
Bevor man über politische Gewinner und Verlierer spricht, lohnt sich ein genauer Blick auf etwas vermeintlich Banales: die amtlichen Zahlen.
Der Kreiswahlausschuss stellte am 18. August fest, dass 160.324 Menschen wahlberechtigt waren. 67.615 hätten gewählt, 67.257 Stimmen seien gültig und 358 ungültig gewesen. Der Landeswahlleiter veröffentlicht dagegen 160.328 Wahlberechtigte, 67.717 Wähler und 460 ungültige Stimmen. Die Zahl der gültigen Stimmen und sämtliche Kandidatenstimmen stimmen hingegen überein.
Vier Wahlberechtigte Unterschied wären für das Ergebnis belanglos. Auffälliger sind die 102 zusätzlichen Wähler beim Landeswahlleiter – exakt verbunden mit 102 zusätzlichen ungültigen Stimmen. Woher diese Differenz zwischen zwei amtlichen Veröffentlichungen stammt, lässt sich aus den öffentlich zugänglichen Unterlagen nicht nachvollziehen.
Das verändert weder den Sieger des ersten Wahlgangs noch die Reihenfolge der Kandidaten. Trotzdem sollte eine abgeschlossene Wahl am Ende eine eindeutige amtliche Gesamtzahl liefern. Vertrauen in Wahlen entsteht nicht erst bei großen Streitfragen. Es beginnt bei sauber übereinstimmenden Zahlen.
Für unsere Berechnungen verwenden wir deshalb die am 18. August ausdrücklich vom Kreiswahlausschuss festgestellten Zahlen. Das vollständige Dokument stellt der Westerwaldkreis auf seiner Informationsseite zur Landratswahl bereit.
92.709 Menschen haben gar nicht gewählt
Damit kommt man zu einer Zahl, die größer ist als jedes Kandidatenlager.
Von 160.324 Wahlberechtigten gingen nach der Feststellung des Kreiswahlausschusses 67.615 zur Wahl. 92.709 Menschen blieben zuhause.
Lütkefedder erhielt damit zwar 43,3 Prozent der gültigen Stimmen – gemessen an allen Wahlberechtigten unterstützten ihn bislang aber nur rund 18,2 Prozent. Machalets 16.617 Stimmen entsprechen rund 10,4 Prozent aller Wahlberechtigten. Das ist kein Makel der Kandidaten, sondern eine Folge der niedrigen Beteiligung. Politisch sollte diese Größenordnung trotzdem zu denken geben.
Noch eine Zahl verändert den Blick auf die Stichwahl: Lütkefedders Vorsprung vor Machalet beträgt 12.531 Stimmen. Die vier ausgeschiedenen Bewerber Jan Nicola De Cotiis, Lisa-Marie Jeckel, Merline Bratenstein und Johannes Eidt erhielten zusammen 21.492 Stimmen. Rein rechnerisch ist dieser Block also deutlich größer als Lütkefedders Vorsprung. Hinzu kommen die mehr als 92.000 bisherigen Nichtwähler.
Das bedeutet nicht, dass Machalet diese Stimmen automatisch zufallen. Genau das wäre unseriös. Wähler gehören niemandem. Wer im ersten Wahlgang AfD, Freie Wähler, Linke oder Volt gewählt hat, kann am 30. August Lütkefedder wählen, Machalet wählen oder zuhause bleiben.
Montabaur zeigt, was Mobilisierung bedeuten kann
Besonders deutlich wird das in Montabaur. In der Stadt waren 11.391 Menschen wahlberechtigt, aber nur 4.539 gingen wählen. Damit blieben 6.852 Wahlberechtigte zuhause. Lütkefedder erhielt 1.945 Stimmen, Machalet 1.216. Der Vorsprung des CDU-Kandidaten lag also bei 729 Stimmen. Gleichzeitig entfielen 1.359 gültige Stimmen auf die vier ausgeschiedenen Bewerber.
Allein in Montabaur gibt es damit mehr als 8.000 Menschen, die entweder im ersten Wahlgang niemanden gewählt haben oder deren bisheriger Kandidat nicht mehr antritt. Natürlich wird nur ein Teil davon am 30. August tatsächlich zur Wahl gehen. Trotzdem zeigt die Rechnung: Die Stichwahl entscheidet sich möglicherweise weniger durch das Überzeugen eingefleischter CDU- oder SPD-Wähler als durch Mobilisierung.
Für Machalet ist diese Rechnung zwingend. Sie kann einen Rückstand von 12.531 Stimmen kaum aus ihrem bisherigen Lager heraus aufholen. Lütkefedder hat es strategisch leichter: Er muss einen beträchtlichen Teil seiner bisherigen Wähler erneut mobilisieren und verhindern, dass sich außerhalb seines Lagers eine geschlossene Gegenbewegung bildet.
11.046 AfD-Stimmen – aber wem gehören sie jetzt?
Besonders sensibel ist der Blick auf die 11.046 Stimmen für AfD-Kandidat Jan Nicola De Cotiis. Kreisweit waren das 16,4 Prozent. In einzelnen Teilen des Westerwaldkreises lag der Anteil deutlich höher.
In der Verbandsgemeinde Bad Marienberg erreichte De Cotiis 20,9 Prozent, Machalet 28,4 und Lütkefedder 38,5 Prozent. In der Verbandsgemeinde Selters kam die AfD auf 20,6 Prozent. In der Stadt Rennerod lagen De Cotiis mit 20,7 Prozent und Machalet mit 23,7 Prozent nur drei Prozentpunkte auseinander.
Aus diesen Zahlen lässt sich keine seriöse Wanderungsprognose ableiten. Wer AfD gewählt hat, muss am Sonntag keine der beiden verbliebenen Personen wählen. Trotzdem bilden diese 11.046 Stimmen zusammen mit den Stimmen von Freien Wählern, Linken und Volt einen erheblichen Teil des noch offenen politischen Raums.
Gerade hier sollten beide Kandidaten deutlich machen, wofür sie stehen – und nicht versuchen, vermeintliche Wählergruppen mit möglichst dehnbaren Botschaften einzusammeln.
Der neue Landrat übernimmt keinen finanziellen Selbstläufer
Während der Wahlkampf über Bürgernähe, Schulen, Wirtschaft, Ehrenamt und Verwaltung spricht, hat der Haushalt längst Tatsachen geschaffen.
Der Ergebnishaushalt 2026 plant ein Defizit von rund 7,17 Millionen Euro. Bei den Investitionen ergibt sich ein Finanzierungssaldo von rund minus 18,13 Millionen Euro. Rund 10,27 Millionen Euro Investitionskredite sind vorgesehen, zusätzlich sollen 7,5 Millionen Euro liquide Mittel eingesetzt werden. Die sogenannte freie Finanzspitze liegt nur noch bei ungefähr 356.000 Euro.
Dabei muss man sauber unterscheiden: Der Kreis steht nicht vor der Zahlungsunfähigkeit. Für 2026 sind keine Liquiditätskredite vorgesehen, und die Bilanz weist weiterhin erhebliches Eigenkapital aus. Schulden für langfristige Investitionen sind außerdem etwas anderes als Kredite, mit denen laufende Rechnungen bezahlt werden.
Wer jedoch aus diesen Gründen Entwarnung gibt, macht es sich zu einfach.
Denn die Richtung der Finanzplanung hat sich spürbar verändert.
44 Millionen Euro statt knapp 29 Millionen
Der aktuelle Haushaltsplan sieht Ende 2025 noch rund 2,52 Millionen Euro Investitionskredite vor. Ende 2026 sollen daraus rund 12,54 Millionen Euro werden. Für Ende 2027 stehen bereits rund 31,51 Millionen Euro in der Planung, für Ende 2028 rund 44,40 Millionen Euro. 2029 wären es dem Plan zufolge noch etwa 43,47 Millionen Euro.
Das sind keine bereits aufgenommenen Schulden. Es handelt sich um eine mittelfristige Finanzplanung, die sich ändern kann. Genau deshalb lohnt der Vergleich mit dem Haushaltsplan des Vorjahres.
Noch im Haushalt 2025 rechnete der Westerwaldkreis für Ende 2028 mit rund 28,82 Millionen Euro Investitionsschulden. Ein Planungsjahr später stehen dort 44,40 Millionen Euro. Die erwartete Verschuldung für dasselbe Jahr hat sich damit innerhalb eines einzigen Planungszyklus um rund 15,59 Millionen Euro oder gut 54 Prozent erhöht.
Das ist eine Entwicklung, die im Wahlkampf mehr verdient als den üblichen Satz, man müsse „solide wirtschaften“.
Gespart wird längst – nur merkt man es nicht immer sofort
Wer nun fordert, der neue Landrat müsse eben sparen, sollte ebenfalls genauer hinschauen. Die Verwaltung erklärt selbst, sie habe vor Aufstellung des Haushalts bereits erhebliche Einsparungen vorgenommen. Bei der Bauunterhaltung erfolgte trotz gestiegener Baupreise eine pauschale Kürzung. Einzelmaßnahmen wanderten in spätere Jahre oder wurden zunächst zurückgestellt. Der frühere Landrat warnte ausdrücklich davor, dass die Spielräume vor allem bei freiwilligen Leistungen immer kleiner würden.
Gleichzeitig sinkt die Steuerkraft der kreisangehörigen Kommunen. Der Haushaltsplan rechnet mit einem Rückgang der Steuerkraftmesszahlen um rund 15,8 Millionen Euro. Besonders die Gewerbesteuer schwächelt. Für den Kreis bedeutet das weniger Einnahmen aus der Kreisumlage. Auf eine erneute Erhöhung des Umlagesatzes hat die Politik für 2026 dennoch verzichtet.
Auf der anderen Seite stehen keine erfundenen Luxusausgaben. Der Kreis muss Schulen sanieren und bauen, Straßen unterhalten, Bevölkerungsschutz finanzieren, Digitalisierung vorantreiben und soziale Pflichtaufgaben bezahlen. Allein für Investitionen in Sachanlagen sieht der Haushalt hohe Millionenbeträge vor.
Genau darin steckt der eigentliche Konflikt: Wo soll der nächste Landrat sparen, wenn viele Kosten gesetzlich gebunden sind und die Verwaltung nach eigener Darstellung bereits Projekte gestreckt hat?
Wer zusätzliche Leistungen verspricht, muss deshalb auch sagen, was sie kosten. Wer Einsparungen verspricht, sollte benennen, wo sie stattfinden sollen.
Lütkefedder verspricht solide Finanzen – der Kreis plant neue Schulden
Klaus Lütkefedder setzt das Thema Finanzen ausdrücklich in sein Wahlprogramm. Unter der Überschrift „Finanzen sichern“ formuliert die CDU den Satz: „Nicht mehr Geld ausgeben als man hat“. Gleichzeitig sollen zukunftsgerichtete Projekte weiterlaufen und Mittel von Land, Bund und EU genutzt werden. Sein vollständiges Programm ist auf der Wahlkampfseite der CDU Westerwald nachzulesen.
Der Satz klingt einleuchtend. Im Kreishaushalt wird er kompliziert.
Ein Landkreis darf sinnvoll investieren und dafür Kredite aufnehmen. Gerade eine Schule oder Straße nutzt schließlich nicht nur der Jahrgang, der sie bezahlt. Trotzdem stellt sich die konkrete Frage: Was bedeutet Lütkefedders Versprechen bei einem Kreis, der für 2026 rund 10,27 Millionen Euro neue Investitionskredite plant und dessen mittelfristige Verschuldung erheblich steigen könnte?
Auf den von uns ausgewerteten öffentlich zugänglichen Wahlkampfseiten fanden wir bislang keinen bezifferten Konsolidierungsplan, der erklärt, welche Ausgaben Lütkefedder konkret begrenzen, welche Projekte er später umsetzen oder welche Einnahmen er erhöhen will. Gleichzeitig verspricht sein Programm moderne Schulen, gute Kitas, Infrastruktur, Unterstützung für Vereine und weitere Investitionen.
Das muss kein Widerspruch sein. Aber es verlangt Erklärung.
Lütkefedder kennt die kommunale Finanzwelt zudem nicht nur aus dem Wahlkampf. Er führt seit Jahren die Verbandsgemeinde Wallmerod und gehört dem Kreistag an. Er tritt nicht als Außenstehender an, der die Zahlen erst am ersten Arbeitstag entdeckt.
Machalet setzt auf Fördermittel – doch Fördermittel sind kein Freifahrtschein
Auch Tanja Machalet verspricht Investitionen und bessere Leistungen. Die SPD nennt vier zentrale Themen: eine gute Gesundheitsversorgung, ein bürgernahes und modernes Kreishaus, Perspektiven für Familien und junge Menschen sowie die Stärkung von Ehrenamt und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Parteiseitig wird außerdem ausdrücklich Machalets politisches Netzwerk hervorgehoben. Gerade bei knappen Kassen solle dieses helfen, Fördermittel, Projekte und Partnerschaften in den Westerwald zu holen. Die Kandidatenvorstellung der SPD Westerwald
Fördermittel zu nutzen, ist vernünftig. Sie ersetzen jedoch keine Finanzstrategie.
Viele Programme sind zweckgebunden, zeitlich begrenzt oder verlangen kommunale Eigenanteile. Vor allem lösen Investitionszuschüsse nicht automatisch dauerhaft steigende Kosten bei Personal, Sozialleistungen, Schülerbeförderung oder ÖPNV – genau jene Bereiche, die der Kreis selbst als Belastung seines Haushalts nennt.
Auch bei Machalet fanden wir auf den von uns ausgewerteten öffentlich zugänglichen Wahlkampfseiten bislang keinen konkreten, bezifferten Plan, wie das strukturelle Defizit zurückgeführt werden soll. Welche freiwilligen Leistungen haben Vorrang? Wie viel zusätzliche Verschuldung wäre akzeptabel? Wo könnte die Verwaltung tatsächlich günstiger arbeiten? Würde die Kreisumlage im Notfall steigen?
Das sind keine Fangfragen. Es sind Fragen, die nach dem 30. August ohnehin auf dem Tisch liegen.
„Modernes Kreishaus“ trifft auf acht bis zwölf Wochen Bearbeitungszeit
Wie schnell Wahlkampfversprechen an der Wirklichkeit geprüft werden können, zeigt ein vergleichsweise kleines Beispiel.
Die Kreisverwaltung weist seit Juni darauf hin, dass Bürger im Führerscheinwesen mit acht bis zwölf Wochen Bearbeitungszeit rechnen müssen. Wer dringend ein Dokument benötigt, kann im Einzelfall gegen 15 Euro Zusatzgebühr eine Expressbestellung nutzen. Gleichzeitig bittet die Verwaltung Bürger darum, nicht telefonisch oder per E-Mail nach dem Bearbeitungsstand zu fragen, weil solche Nachfragen die Bearbeitung weiter verzögern. Hinweis der Kreisverwaltung zur Führerscheinstelle
Acht bis zwölf Wochen in einem einzelnen Fachbereich beweisen noch kein generelles Verwaltungsversagen. Sie zeigen aber, dass „bürgernahe Verwaltung“ und „Digitalisierung“ keine abstrakten Wahlkampfwörter bleiben dürfen.
Hinzu kommt ein ganz handfestes Problem im Kreishaus selbst. Der Kreis erklärte im Frühjahr, dass Teile der Netzwerkverkabelung des Verwaltungsgebäudes mehr als 30 Jahre alt und für heutige Anforderungen nicht mehr ausgelegt seien. Eine Erneuerung sei notwendig.
Damit wird auch Machalets Forderung nach einem modernen Kreishaus überprüfbar – genauso wie Lütkefedders Versprechen einer leistungsfähigen Verwaltung und Infrastruktur.
Die Politik hat die schwierige Lage nicht erst am Wahlabend entdeckt
Eine wichtige Grenze muss man ziehen: Der Landrat entscheidet den Haushalt nicht allein. Den Haushaltsplan beschließt der Kreistag. Die Kreisverwaltung bereitet ihn vor, der Landrat besitzt erheblichen Einfluss auf Prioritäten und Verwaltung, doch demokratisch beschlossen wird das Zahlenwerk vom Parlament des Kreises. Der Haushalt 2026 erhielt dort eine Mehrheit.
Deshalb wäre es falsch, Klaus Lütkefedder oder Tanja Machalet persönlich für jedes Defizit oder jede verschobene Baumaßnahme verantwortlich zu machen.
Genauso falsch wäre allerdings die Darstellung, beide kämen nun von außen und müssten erst einmal herausfinden, wie es um den Kreis steht. Beide verfügen über langjährige politische Erfahrung und sind kommunalpolitisch im Westerwald verankert. Der kommende Landrat oder die kommende Landrätin erbt Probleme, die die Politik längst kennt.
Genau deshalb darf der Wahlkampf jetzt konkreter werden.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Wer verspricht mehr?
Sonntag entscheidet sich nicht nur, wer für acht Jahre im Kreishaus das größte Büro bekommt. Es geht darum, welche Prioritäten der Westerwaldkreis setzt, wenn Geld nicht mehr für alles gleichzeitig reicht.
Muss der Kreis weitere Projekte strecken? Welche freiwilligen Leistungen sollen geschützt werden? Wie viel zusätzliche Verschuldung ist für Schulen, Straßen und Bevölkerungsschutz vertretbar? Wo kann Digitalisierung tatsächlich Personal und Zeit sparen – und wo kostet sie zunächst zusätzlich Geld? Wie lange lässt sich die Kreisumlage stabil halten, wenn Einnahmen schwächeln und Pflichtausgaben steigen?
Lütkefedder muss erklären, wie sein Satz vom Nicht-mehr-Ausgeben-als-man-hat mit der realen Finanzplanung zusammenpasst.
Machalet muss erklären, was neben Fördermitteln und politischen Netzwerken ihr eigener Plan für einen strukturell angespannten Haushalt ist.
Beide dürfen dabei auf die Rahmenbedingungen von Bund und Land verweisen. Pflichtaufgaben und fehlende Gegenfinanzierung sind reale Probleme der Kommunen. Wer aber Landrat werden will, bewirbt sich gerade dafür, unter schwierigen Bedingungen Entscheidungen zu treffen.
Und dann sind da noch 92.709 Menschen
Vielleicht liegt die größte politische Warnung der Wahl bislang gar nicht im Haushalt.
Mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten hat sich im ersten Wahlgang nicht beteiligt. Der kommende Landrat kann am Ende völlig legitim gewählt sein und trotzdem sein Amt mit einer bemerkenswert kleinen aktiven Unterstützung aus der Bevölkerung antreten, falls die Beteiligung erneut niedrig bleibt.
Wer diese Menschen nur am Wahltag vermisst, macht es sich zu einfach.
Warum blieben so viele zuhause? War es Desinteresse? Ein kurzer Wahlkampf nach dem überraschenden Wechsel des bisherigen Landrats ins Innenministerium? Fehlende Bekanntheit der Kandidaten? Frust über Politik? Oder schlicht die Überzeugung, dass sich ohnehin wenig ändert?
Diese Fragen lassen sich nicht aus einer Wahltabelle beantworten.
Genau deshalb interessieren uns Ihre Erfahrungen. Warum haben Sie am 16. August gewählt – oder bewusst nicht gewählt? Was erwarten Sie von Klaus Lütkefedder oder Tanja Machalet? Und wo erleben Sie im Westerwaldkreis heute schon, dass Sparzwang, lange Verwaltungswege oder verschobene Investitionen konkret bei den Bürgern ankommen?
Schreiben Sie uns. Hinweise, Unterlagen und eigene Erfahrungen können helfen, aus Wahlkampfversprechen überprüfbare Politik zu machen.
Denn am 30. August wird zwar ein Name gewählt. Die Rechnung, die danach auf dem Schreibtisch liegt, trägt der ganze Westerwaldkreis.
Quellen
- Westerwaldkreis, Kreiswahlausschuss: amtlich festgestelltes Ergebnis der Landratswahl vom 16. August 2026 und Bekanntmachung vom 18. August 2026.
- Landeswahlleiter Rheinland-Pfalz: Ergebnisse der Direktwahl im Westerwaldkreis.
- Westerwaldkreis: amtliche Ergebnisportale für Montabaur sowie die Verbandsgemeinden Bad Marienberg und Selters und die Stadt Rennerod.
- Westerwaldkreis: Haushaltspläne und Finanzinformationen, insbesondere Haushaltspläne 2025 und 2026.
- Westerwaldkreis: Beschluss und Erläuterungen zum Haushalt 2026.
- CDU Westerwald: öffentliches Programm von Klaus Lütkefedder zur Landratswahl 2026.
- SPD Westerwald: öffentliche Vorstellung und Schwerpunkte von Tanja Machalet zur Landratswahl 2026.
- Kreisverwaltung Westerwaldkreis: Bearbeitungszeiten der Führerscheinstelle und Informationen zur technischen Erneuerung des Kreishauses.
- Eigene Recherche von 2halb3-News: Abgleich der amtlichen Wahlveröffentlichungen, Berechnung von Nichtwählern, Stimmenabständen und Stimmen der ausgeschiedenen Bewerber sowie Vergleich der mittelfristigen Kreditplanung der Haushalte 2025 und 2026.

No responses yet