Fehlende Fahrdienstleiter und parallele Bauarbeiten zerreißen die Oberwesterwaldbahn zwischen Limburg und Altenkirchen. Busse sollen retten, was auf der Schiene nicht mehr funktioniert. Für Pendler wird aus einem Fahrplan ein tägliches Glücksspiel.
Oberwesterwaldbahn: Wenn Personal fehlt, steht der Westerwald
Der Zug ist da. Die Strecke ist da. Reisende warten ebenfalls. Trotzdem fährt zeitweise nichts – weil Mitarbeiter in den Stellwerken fehlen.
Was nach einer schlechten Ausrede klingt, nennt die Hessische Landesbahn inzwischen selbst als Grund für die Ausfälle auf der Oberwesterwaldbahn. Zwischen Limburg, Westerburg, Hachenburg und Altenkirchen trifft der Personalmangel einen Pendlerkorridor, der drei Landkreise und zwei Bundesländer miteinander verbindet.
Parallel laufen Bauarbeiten. Ersatzbusse übernehmen Teile des Verkehrs. Fahrgäste müssen umsteigen, länger fahren und teilweise andere Haltestellen suchen. Fahrräder bleiben draußen.
Die unbequeme Wahrheit lautet: Die RB 90 scheitert derzeit nicht nur an alten Gleisen oder geplanten Baustellen. Sie scheitert auch daran, dass ein grundlegender Arbeitsplatz im Bahnbetrieb nicht zuverlässig besetzt werden kann.
Erst fiel der Nachmittag aus – jetzt fährt ein Flickenteppich
Der Verkehrsverbund Rhein-Mosel nennt den Grund ungewöhnlich deutlich: DB InfraGO könne mehrere Stellwerke kurzfristig nicht mit Personal besetzen.
Die Folgen begannen bereits am 13. Juli 2026. Bis zum 24. Juli fielen montags bis freitags ab 13.45 Uhr sämtliche Reisezüge zwischen Altenkirchen und Limburg aus. Ein Busnotverkehr sollte die Verbindung ersetzen.
Seit dem 24. Juli überlagern sich zwei Probleme. Zwischen Limburg und Langenhahn laufen Bauarbeiten. Gleichzeitig fehlen montags bis freitags Fahrdienstleiter zwischen Langenhahn und Altenkirchen. Die Hessische Landesbahn kündigt deshalb bis einschließlich 9. August weitere Zugausfälle und Schienenersatzverkehr an.
Damit bleibt die Lage auch in der ersten Augustwoche angespannt. Wer zwischen Limburg und Altenkirchen unterwegs ist, trifft nicht mehr auf eine durchgehende, verlässliche Bahnverbindung, sondern auf ein Gemisch aus Restzügen, Ersatzbussen und zusätzlichen Umstiegen.
Der offizielle Ersatzfahrplan der RB 90 umfasst vier Seiten. Er zeigt, wie kompliziert die Reise inzwischen geworden ist. Langenhahn und Altenkirchen dienen je nach Verbindung als Umsteigepunkte. Abfahrtszeiten und Verkehrszeiträume wechseln teilweise von Tag zu Tag.
Ein Fahrplan, den Pendler erst studieren müssen, bevor sie zur Arbeit fahren, hat seinen eigentlichen Zweck bereits verfehlt.
Ein Ersatzbus ersetzt keine Regionalbahn
Auf dem Papier klingt Schienenersatzverkehr nach einer fertigen Lösung. In der Realität bleibt er ein Notbehelf.
Die HLB weist darauf hin, dass Fahrräder in den Ersatzbussen nicht mitgenommen werden können. Zudem liegen die Bushaltestellen nicht überall direkt am Bahnhof. Reisende müssen deshalb zusätzliche Wege und Ortskenntnisse einplanen.
Gerade im ländlichen Raum ist das mehr als eine Unannehmlichkeit. Wer morgens einen festen Arbeitsbeginn hat, einen Arzttermin erreichen muss oder auf Anschlüsse in Limburg, Altenkirchen, Au oder Siegen angewiesen ist, kann Verspätungen nicht einfach wegorganisieren.
Hinzu kommt: Ein Bus braucht auf den Straßen des Westerwaldes meist länger als der Zug. Er besitzt weniger Platz und steckt im selben Verkehr wie alle anderen. Reisende mit Kinderwagen, größerem Gepäck oder eingeschränkter Mobilität treffen schneller auf praktische Grenzen.
Aus einer direkten Bahnverbindung wird so eine Reisekette mit neuen Schwachstellen. Verpasst der Bus den Anschlusszug, fällt nicht nur eine Verbindung aus. Dann kippt der gesamte Tagesplan.
Besonders bitter für Berufspendler
Die Personalausfälle betrafen zunächst ausgerechnet den Zeitraum ab dem frühen Nachmittag. Damit trafen sie Schüler, Beschäftigte im Schichtdienst und viele klassische Berufspendler auf dem Heimweg.
Genau hier zeigt sich der Unterschied zwischen einer einzelnen Störung und einem strukturellen Problem. Ein technischer Defekt kann kurzfristig auftreten. Wenn jedoch über Wochen feste Ausfallzeiten gelten, weil Stellwerke nicht besetzt werden können, handelt es sich nicht mehr um einen überraschenden Zwischenfall. Dann wird Personalmangel zum Ersatzfahrplan.
DB InfraGO wollte die Stellwerke stabil besetzen
Die Verantwortung lässt sich klarer zuordnen, als es im Bahnsystem zunächst wirkt.
Die HLB betreibt die Züge der RB 90 und organisiert den Ersatzverkehr. Die Stellwerke sowie deren Besetzung gehören dagegen zum Verantwortungsbereich der DB InfraGO. Ohne den zuständigen Fahrdienstleiter dürfen die Züge auf den betroffenen Abschnitten nicht regulär fahren.
DB InfraGO kennt das Problem seit Jahren. Bereits 2024 erklärte das Unternehmen, die unterschiedlichen Stellwerkstechniken erschwerten einen flexiblen Personaleinsatz. Beschäftigte müssten für die jeweilige Anlage und deren örtliche Besonderheiten qualifiziert sein. Hohe Krankenstände und der Ruhestand geburtenstarker Jahrgänge verschärften die Lage.
Damals nannte die Bahn ein klares Ziel: Bis Ende 2025 sollten sämtliche Stellwerksschichten deutschlandweit wieder stabil besetzt sein. Im Sommer 2026 fällt die Oberwesterwaldbahn trotzdem wegen fehlender Fahrdienstleiter aus. Das eigene Personalprogramm der DB InfraGO hat dieses Problem vor Ort offensichtlich noch nicht gelöst.
Bundesweite Quoten helfen den Menschen in Hachenburg, Westerburg oder Frickhofen wenig. Für sie zählt nicht, wie viele Stellwerke irgendwo in Deutschland besetzt sind. Entscheidend ist, ob ihr Zug heute fährt.
Moderne Züge nützen ohne besetztes Stellwerk nichts
Die RB 90 verbindet Siegen, Altenkirchen und Limburg über 113 Kilometer. Nach Unterlagen des Zweckverbandes SPNV-Nord bedient sie 41 Stationen. Die HLB betreibt das sogenannte Westerwaldnetz im Rahmen eines Verkehrsvertrages bis Dezember 2030. Beteiligt sind SPNV-Nord, der Rhein-Main-Verkehrsverbund und der Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe.
Damit liegt eine ungewöhnlich lange Verantwortungskette über dieser einen Linie. Das erklärt Zuständigkeiten – entschuldigt aber keine Ausfälle.
Politik und Verkehrsverbünde diskutieren längst über alternative Antriebe und neue Fahrzeuge. Der SPNV-Nord untersuchte für die Oberwesterwaldbahn bereits Akku- und Wasserstoffzüge. Dieselbe Machbarkeitsstudie warnte allerdings auch vor langen Reaktionszeiten bei Störungen.
Genau dieser Punkt schlägt nun durch. Ein moderner Zug fährt keinen Meter, wenn das Stellwerk unbesetzt bleibt. Wer über neue Antriebe spricht, aber den elementaren Betrieb nicht absichert, modernisiert an der falschen Stelle zuerst.
Die Baustelle erklärt nur einen Teil des Chaos
Bauarbeiten an einer Bahnstrecke lassen sich nicht vermeiden. Gleise, Weichen, Bahnsteige und Sicherungstechnik brauchen Erneuerung. Entscheidend bleibt jedoch, wie Verantwortliche solche Eingriffe planen und mit anderen Risiken abstimmen.
Zwischen Limburg und Westerburg fuhren bereits vom 27. März bis zum 28. April 2026 ausschließlich Ersatzbusse. Damals begründete die HLB die Sperrung mit Bauarbeiten. Nun folgt im Sommer der nächste Ersatzverkehr – diesmal kombiniert mit fehlendem Stellwerkspersonal.
Das ist der Kern des Konflikts: Eine geplante Baustelle trifft auf einen Personalengpass. Statt eines belastbaren Ersatzkonzeptes entsteht ein kompliziertes Wechselspiel aus Zügen und Bussen.
Bereits bei unserer Analyse zum Bahnchaos auf der Rhein- und Lahnachse zeigte sich dasselbe Muster. Das Netz wird unter laufendem Betrieb repariert, besitzt aber kaum Reserven. Kommt ein zusätzliches Problem hinzu, fällt nicht nur ein Zug aus. Eine ganze Reisekette bricht auseinander.
Wer kontrolliert die Leistung – und wer trägt die Kosten?
Mehrere zentrale Fragen bleiben öffentlich unbeantwortet.
Welche Stellwerke konnte DB InfraGO im Juli und August nicht besetzen? Wie viele Schichten fielen aus? Seit wann war der Engpass bekannt? Warum gelang es nicht, rechtzeitig qualifiziertes Ersatzpersonal einzuplanen?
Ebenso offen bleibt, welche finanziellen Folgen die Ausfälle haben. Wer bezahlt die zusätzlichen Busse? Trägt DB InfraGO die Kosten, weil ihr Personal fehlt? Entstehen Vertragsabzüge, oder gelten die Ausfälle für die HLB als nicht selbst verschuldet?
Auch die Aufgabenträger müssen erklären, wie sie die erbrachte Verkehrsleistung kontrollieren. Ein bestellter Stundentakt verliert seinen Wert, wenn Reisende tage- oder wochenlang auf Busse ausweichen müssen.
Die Fahrgäste zahlen ihren Tarif vollständig. Dafür dürfen sie auch eine vollständige und verlässliche Leistung erwarten.
Der ländliche Raum soll umsteigen – aber worauf?
Politik und Verkehrsunternehmen werben regelmäßig für Bus und Bahn. Gleichzeitig erleben Pendler auf der Oberwesterwaldbahn, dass ihre Verbindung schon durch fehlendes Stellwerkspersonal zerbricht.
Wer ein Auto besitzt, wird sich unter solchen Bedingungen zweimal überlegen, ob er es stehen lässt. Wer keines hat, besitzt diese Wahl nicht. Genau deshalb trifft unzuverlässiger Nahverkehr den ländlichen Raum besonders hart.
Die RB 90 ist keine touristische Nebenstrecke für gelegentliche Sonntagsausflüge. Sie verbindet Arbeitsplätze, Schulen, Verwaltungen und weitere Bahnlinien. Zwischen Limburg und Altenkirchen bildet sie eine der wenigen durchgehenden öffentlichen Verkehrsachsen durch den Westerwald.
Wird diese Verbindung unzuverlässig, verliert nicht nur die Bahn Vertrauen. Die gesamte Mobilitätsplanung der Region bekommt Risse.
Fazit: Kein Personal ist keine Kleinigkeit
Die aktuelle Krise der Oberwesterwaldbahn besteht aus zwei Teilen. Bauarbeiten belasten den südlichen Abschnitt. Fehlende Fahrdienstleiter legen den nördlichen Teil zeitweise lahm.
Beides zusammen macht aus einer Regionalbahn einen organisatorischen Hindernislauf.
DB InfraGO muss erklären, warum ein seit Jahren bekanntes Personalproblem 2026 erneut den Zugverkehr stoppt. Die HLB und die beteiligten Aufgabenträger müssen zeigen, ob ihr Ersatzkonzept tatsächlich alltagstauglich ist. Ein PDF mit vier Seiten Fahrplantabellen genügt dafür nicht.
Entscheidend bleibt eine einfache Frage: Wie sollen Menschen dem öffentlichen Nahverkehr vertrauen, wenn nicht einmal die Besetzung der Stellwerke verlässlich gelingt?
Sind Sie von den Ausfällen der RB 90 betroffen? Haben Sie Anschlüsse verpasst, unklare Informationen erhalten oder Probleme mit den Ersatzbussen erlebt? Schreiben Sie uns. Besonders interessieren uns konkrete Verbindungen, Daten und Wartezeiten. Wir prüfen die Hinweise und berichten weiter.
Quellen
- Hessische Landesbahn: RB 90 – Ausfälle und Schienenersatzverkehr vom 24. Juli bis 9. August 2026
- HLB: Ersatzfahrplan der RB 90
- Verkehrsverbund Rhein-Mosel: Einschränkungen wegen unbesetzter Stellwerke
- DB InfraGO: Maßnahmen zur Besetzung der Stellwerke
- SPNV-Nord: Streckendaten und Verkehrsvertrag der Oberwesterwaldbahn
- 2halb3-Recherche: Bahnchaos auf der Rhein- und Lahnachse
- Eigene Recherche und Auswertung der Fahrgastinformationen, Ersatzfahrpläne und Verkehrsmeldungen; Stand: 3. August 2026

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