Halbleerer Kirchenraum in einer Kleinstadt, vereinzelte Besucher, ruhige und nachdenkliche Stimmung


Zwischen Austritten und Hoffnung: Wer tritt in Montabaur noch in die Kirche ein?

Montabaur schrumpft – zumindest kirchlich. Während bundesweit die Mitgliederzahlen der großen Kirchen einbrechen, zeigt sich die Entwicklung auch im Westerwald deutlich. Die entscheidende Frage lautet längst nicht mehr: Wie gewinnen wir neue Mitglieder? Sondern: Wie verhindern wir, dass noch mehr gehen?

Die nackten Zahlen

Ein Blick auf die Statistik entzaubert jede Wachstumserzählung. In Montabaur gehört heute nur noch gut ein Drittel der Bevölkerung der katholischen Kirche an, ein deutlich kleinerer Teil der evangelischen. Der Rest: konfessionslos oder anderweitig gebunden.

Das ist kein plötzlicher Absturz, sondern ein schleichender Prozess. Jahr für Jahr verlassen mehr Menschen die Kirche, als neue dazukommen. Im Bistum Limburg – zuständig für Montabaur – lagen die Austritte zuletzt im fünfstelligen Bereich, während Eintritte und Wiederaufnahmen kaum ins Gewicht fallen.

Die Kirche verliert also nicht nur Mitglieder – sie verliert an Selbstverständlichkeit.

Neue Mitglieder: Realität oder Wunschdenken?

Wer heute in Montabaur von „neuen Mitgliedern“ spricht, muss präzise sein. Denn echte Neueintritte – also Menschen, die sich bewusst für die Kirche entscheiden – sind selten geworden.

Die wenigen Zuwächse speisen sich aus drei Quellen:

  • Taufen von Kindern
  • Wiedereintritte nach persönlicher Krise oder Neuorientierung
  • Zuzug bereits religiöser Menschen

Das Problem: Keine dieser Gruppen steht für echtes Wachstum. Sie stabilisieren bestenfalls – auf niedrigem Niveau.

Kirche im Strategiewechsel

Die Gemeinden haben das erkannt. Statt auf klassische Sonntagsgottesdienste allein zu setzen, versuchen sie neue Wege: Begegnung, niedrigschwellige Angebote, mehr Präsenz im Alltag.

Das klingt modern, ist aber auch ein Eingeständnis: Die Kirche erreicht viele Menschen nicht mehr über ihre traditionellen Formate.

Parallel dazu läuft im Hintergrund ein struktureller Umbau. Gemeinden werden zusammengelegt, Zuständigkeiten gebündelt, Gebäude aufgegeben. Was nach Reform klingt, ist oft schlicht Anpassung an weniger Mitglieder und weniger Geld.

Die stille Entfremdung

Warum treten Menschen aus? Die Gründe sind vielfältig – und unbequem:

  • Vertrauensverlust durch Missbrauchsskandale
  • Zweifel an der institutionellen Glaubwürdigkeit
  • Distanz zum Alltag vieler Menschen
  • Kirchensteuer als zusätzlicher Druck

Gerade jüngere Generationen wachsen häufig ohne enge Bindung zur Kirche auf. Wer nie wirklich dazugehört hat, tritt auch nicht aktiv ein.

Nähe gesucht – Distanz gespürt

Vor Ort versuchen viele Gemeinden gegenzusteuern. Ehrenamtliche engagieren sich, Veranstaltungen werden geöffnet, Sprache wird verständlicher.

Doch die zentrale Frage bleibt: Reicht das?

Denn während die Kirche sich um mehr Nähe bemüht, haben sich viele Menschen längst entfernt. Nicht aus Protest – sondern aus Gleichgültigkeit. Und Gleichgültigkeit lässt sich schwerer bekämpfen als Kritik.

Was bleibt

Die Kirchen in Montabaur stehen an einem Wendepunkt. Wachstum ist aktuell nicht in Sicht. Die Realität heißt Schrumpfung – begleitet von dem Versuch, relevant zu bleiben.

Neue Mitglieder? Ja, die gibt es. Aber sie sind die Ausnahme, nicht die Regel.

Die eigentliche Herausforderung liegt woanders: Vertrauen zurückgewinnen, Glauben verständlich machen – und einen Platz im Leben der Menschen finden, der mehr ist als Tradition.

Ob das gelingt, ist offen. Sicher ist nur: Die Zeit, in der die Kirche automatisch Teil des Alltags war, ist vorbei.

Quellen & eigene Recherche

  • Statistische Angaben Stadt Montabaur (Bevölkerungsanteile Religionszugehörigkeit)
  • Bistum Limburg: Mitgliederentwicklung und Austrittszahlen (2023–2025)
  • Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN): Mitgliederentwicklung und Strukturreformen
  • Regionale Berichterstattung (u. a. Rhein-Zeitung, Mittelhessen.de)
  • Eigene Auswertung regionaler Trends und Vergleichszahlen

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