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Ältere Frau sitzt nachdenklich im Rollstuhl am Fenster, während eine Pflegekraft im Hintergrund auf ihre Uhr schaut und unter Zeitdruck wirkt.
Wenn Minuten zählen: Zeitdruck in der ambulanten Pflege trifft vor allem die Menschen, die auf Würde und Zuwendung angewiesen sind.

Eine alte Frau aus dem Westerwald hat uns geschrieben, nachdem sie unseren Beitrag „Häusliche Pflege im Westerwald“ gelesen hat.
Sie möchte anonym bleiben. Nicht, weil sie übertreibt. Sondern weil sie abhängig ist.

Abhängig von einem System, das ihr jeden Morgen zeigt, wie wenig Zeit für sie vorgesehen ist.

Was sie beschreibt, ist keine Einzelgeschichte. Es ist ein Alarmsignal.


„Man fühlt sich wie eine Aufgabe“

Hier ihr Brief – unverändert im Wortlaut (Name der Redaktion bekannt):

Sehr geehrtes Team von 2halb3,

ich bin eine alte Frau und auf ambulante Pflege angewiesen. Was ich täglich erlebe, macht mich still und manchmal auch traurig.

Die Pflegekräfte haben kaum Zeit. Alles geht schnell, zu schnell. Man merkt sofort, dass schon der nächste Termin wartet. Oft traue ich mich gar nicht mehr, noch etwas zu sagen oder um eine Kleinigkeit zu bitten. Manches bleibt liegen, weil die Minuten einfach nicht reichen.

Viele der Pflegekräfte wirken müde und überfordert. Das verstehe ich sogar. Aber ihre Hast und ihr Druck kommen bei mir an. Der Ton ist kurz, die Bewegungen sind eilig, der Blick geht zur Uhr. Man fühlt sich dann nicht wie ein Mensch, sondern wie eine Aufgabe, die erledigt werden muss.

Ich möchte niemandem persönlich die Schuld geben. Die, die zu mir kommen, geben sich oft Mühe. Aber die Zeiten sind zu knapp geplant, die Touren zu voll. Diese Entscheidungen werden nicht in meinem Badezimmer getroffen, sondern in den Büros der Pflegedienstleitungen und Inhaber. Doch wir Pflegebedürftigen spüren die Folgen jeden Tag.

Pflege bedeutet für mich nicht nur Waschen und Anziehen. Pflege bedeutet Würde. Und Würde braucht Zeit.

Mit freundlichen Grüßen
Eine alte pflegebedürftige Frau


Das Problem sitzt nicht am Pflegebett

Die Frau erhebt keine Vorwürfe gegen einzelne Pflegekräfte.
Im Gegenteil: Sie zeigt Verständnis.

Doch genau darin liegt die Sprengkraft.

Denn wenn selbst die Betroffenen sagen:
„Die Pflegekräfte können nichts dafür“ –
dann stimmt etwas im System nicht.

Ambulante Pflege im Westerwald läuft vielerorts im Minutentakt.
Touren werden eng getaktet.
Leistungen werden nach festen Zeitkorridoren geplant.
Wirtschaftlicher Druck steigt.

Zeit ist Geld.
Aber Würde offenbar nicht.


Wenn Menschen anfangen zu schweigen

Der erschütterndste Satz in diesem Brief ist nicht der über Hektik.
Es ist dieser:

„Oft traue ich mich gar nicht mehr, noch etwas zu sagen.“

Wer pflegebedürftig ist, ist ohnehin abhängig.
Wenn man zusätzlich das Gefühl bekommt, zur Last zu fallen, entsteht etwas Gefährliches: Selbstzensur aus Angst, zu viel zu sein.

So beginnt Entwürdigung.
Leise.
Ohne Skandal.
Ohne Schlagzeilen.


Entscheidungen aus dem Büro – Folgen im Badezimmer

Die Autorin benennt klar, wo sie die Ursache sieht:
Nicht im Badezimmer.
Sondern in den Büros.

Dort werden Touren geplant.
Dort werden Minuten kalkuliert.
Dort wird entschieden, ob für ein Gespräch noch Zeit bleibt – oder nur für die Grundversorgung.

Pflege ist längst ein wirtschaftlich kalkulierter Markt.
Doch alte Menschen sind keine Position in einer Excel-Tabelle.


Der Westerwald wird älter – aber wird er menschlicher?

Die Region altert.
Immer mehr Menschen sind auf ambulante Pflege angewiesen.
Gleichzeitig fehlen Fachkräfte. Kosten steigen. Bürokratie wächst.

Die Frage ist unbequem:

Wollen wir ein Pflegesystem, das funktioniert –
oder eines, das menschlich ist?

Denn beides scheint derzeit nicht zusammenzugehen.


Das ist kein Einzelfall

In den vergangenen Wochen haben uns weitere Hinweise erreicht.
Nicht öffentlich. Nicht laut.
Aber eindeutig.

Viele trauen sich nicht, ihren Namen unter Kritik zu setzen.
Aus Angst vor Konsequenzen.

Das allein sollte uns zu denken geben.


Wir stellen Fragen

Wir werden:

  • Pflegedienste im Westerwald mit diesen Vorwürfen konfrontieren
  • Leitungsebenen um Stellungnahme bitten
  • Verantwortliche in Politik und Verwaltung fragen, wie viel Zeit Pflege wert ist
  • weitere Betroffene zu Wort kommen lassen

Pflege darf kein Tabuthema sein.
Sie betrifft nicht „die Alten“.
Sie betrifft unsere Eltern.
Und irgendwann uns selbst.


Pflege bedeutet Würde.
Und Würde lässt sich nicht im Minutentakt organisieren.

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